KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Schweinisch: die Metal-Splatterer Gwar im SO36

„Let Us Slay!“, skandieren Gwar, die großen Splatterer des Rock. Seit 25 Jahren zieht die Band aus New York mit einer Blutspritz-Show um den Globus, die sich vom französischen „Grand Guignol“-Theater ableitet und an den Slapstick mancher Monty-Python-Filme erinnert. Auch beim Auftritt im SO36 sprudelt und spratzelt es an allen Ecken und Enden. Mit ihren liebevoll ausgearbeiteten Fantasy-Kostümen stapfen die außerirdischen Trash-Metal-Barbaren über die Bühne, fuchteln mit Riesenschwertern und trennen schon beim ersten Song einen Kopf vom Rumpf, um den roten Strahl ins Publikum zu halten, das sich zum Teil mit Schutzkleidung und Pappschwertern gewappnet hat. Nacheinander werden eine Reihe Karnevalsfiguren massakriert und ausgeweidet, darunter Barack Obama, ein janusköpfiger Jesus/Hitler, Satan und Papst Benedikt („The Nazi Pope“). Da kommt Freude auf und selbige steigt, wenn der Riesenpenis von Sänger Oderus Urungus eine rote Plörre in den Saal spritzt, während die Monsterkapelle denselben mit einer Musik füllt, die im Wesentlichen aus kreischenden Mitgröl-Refrains und schmierigen Speed-Metal-Riffs besteht. Bei der Zugabe taucht noch Osama Bin Laden auf, um den Weltraumterroristen für ihre tolle Show zu gratulieren, doch auch er wird ruckartig entbartet und hingemetzelt, bevor die Band nach einer Stunde mit „Sick Of You“ den Ausgang nimmt. Zurück bleibt ein Haufen verzückter Fans, die aussehen wie nach einem Kettensägen-Massaker. Aber wer macht eigentlich die Sauerei weg? Volker Lüke

YOUNG EURO CLASSIC

Schwelgerisch: das Jugendorchester Belorussland im Konzerthaus

Kein Zweifel, Young Euro Classic ist eine europäische Erfolgsgeschichte. Auch für Abendpatin Renate Künast haben die vielen Jugendorchester verschiedener nationaler oder internationaler Zusammensetzung Vorbildfunktion für ein harmonisches Europa. Doch das Staatliche Jugendsymphonieorchester Belorus zeigt sich im Konzerthaus längst nicht mit jeder Musiksprache vertraut. Der 33-jährige Alexei Petrov, als „begabtester junger Vertreter der belorussischen Klavierschule“ angekündigt, versucht Schumanns Klavierkonzert mit süffigem Ton, harten Akkordgängen und überzogenen Tempi zum virtuosen Knaller à la Tschaikowsky zu machen – von romantischer Poesie oder gar ihrer Hinterfragung keine Spur. Dirigent Victor Babarikin, eher im Opernfach zu Hause, schlägt grelle Funken aus den etwas beliebig durch Jazz und Folklore streifenden „Choreografischen Novellen“ (1965) von Jewgeni Glebow. Doch zum Ereignis wird erst der Auftritt von Anatoli Sivko. Der 23-jährige Student an der Musikakademie Belarus verfügt über eine facettenreiche Bassstimme mit ehernen Tiefen und weicher Höhe und singt Arien von Wagner, Verdi und Rachmaninow mit so sensibler Nuancierung, dass ihm der Jubel des Publikums zufliegt. Und das Orchester schwelgt in seidigen Streicher- und leuchtenden Bläserfarben. Isabel Herzfeld

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