KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

YOUNG EURO CLASSIC

Umjubelt: „Nathan“-Film

mit neuer Musik im Konzerthaus

Seid Menschen“: Mit diesen Worten fordert Sultan Saladin ein Ende des Religionshasses und will Muslime, Juden und Christen im Wettstreit um Humanität verbunden wissen. Wie schwer es diese Botschaft nach Lessings „Nathan der Weise“ hat, ist auch am Schicksal des gleichnamigen Stummfilms von 1922 abzulesen. Von den Bavaria-Studios hergestellt, inszeniert von Manfred Noa, konnte sich der Monumentalfilm gerade 48 Stunden in den Münchner Kinos halten, ehe die Parteigänger Hitlers ihn mit Branddrohungen vertrieben. Werner Krauss, der den leidgeprüften Weisen verkörpert, steuerte 1940 gleich sechs jüdische Karikaturen zu „Jud Süß“ bei. Der „Nathan“-Film geriet in Vergessenheit, bis 1996 eine Kopie in Moskau gefunden wurde. Im Rahmen von Young Euro Classic erlebt die restaurierte Fassung mit einer neuen Filmmusik des libanesisch-deutschen Komponisten Rabih Abou-Khalil eine umjubelte Aufführung im Konzerthaus. Frank Strobel, der Stummfilm-Experte unter den Dirigenten, und das Bundesjugendorchester hatten zwei Stunden lang alle Hände voll zu tun mit der musikalischen Verschmelzung von Orient und Okzident: Eine endlose Melodie bricht sich an beständigen Rhythmuswechseln. Eine dunkeltönende Utopie, bewehrt mit markigen Bläsern, die schwer an der Sinnlosigkeit aller Kriege zu tragen haben. Und darüber schweben die Klänge der Oud, der orientalischen Kurzhalslaute. Ulrich Amling

MUSIKTHEATER

Wild: Oper Dynamo West in der Versuchsanstalt für Wasserbau

Der Zugang zu diesem Projekt ist schwer zu finden. Das gilt erst mal ganz wörtlich. Zwar kennt man das Gebäude mit der großen rosa Röhre westlich der S-Bahn vom Zoo Richtung Tiergarten. Aber wie hinkommen? Die „Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau“ steht wie ein Findling auf der Schleuseninsel im Landwehrkanal, und das passt gut zu Kleists Novelle gleichen Namens, die hier aufgeführt werden soll. Für „VWS – der Findling“ hat die Gruppe „Oper Dynamo West“ erneut einen West-Berliner Ort für ihre „musikalischen Rauminterventionen“ erschlossen. Die Besucher finden sich im Keller an einer riesigen, 250 Meter langen Flachwasserrinne wieder. Eine Albtraum-Szenerie: Die Darstellerinnen waten in hautengen rosa Anzügen durchs Wasser, spielen Cello oder Tuba, schicken ihre markerschütternden Schreie durch die Halle (Regie: Janina Janke). Kleists Geschichte vom römischen Kaufmann Piachi und seinem Adoptivsohn Nicolo wird aufgelöst in Klänge und Stimmungen, verliert sich zwischen schmutzigen Schalttafeln, verrosteten Wasserrohren und flackerndem Neonlicht. Als Theater der Verunsicherung funktioniert der Abend durchaus: Was ist Realität, was schon Kulisse? Was ist Geräusch, was schon Ton und Musik? Schon bekommt das Wort „Versuchsanstalt“ einen ganz neuen Sinn. Und der Ausgang ist dann doch relativ leicht zu finden. (Wieder am 25. und 27. August., 20 Uhr, www.operdynamowest.org) Udo Badelt

PERFORMANCE

Vielseitig: Kunst zum Ramadan

im Pergamonmuseum

Das abendliche Fastenbrechen dient Moslems nicht allein dem Festschmaus, traditionell ist es eine Gelegenheit für kulturelle wie religiöse Besinnung und Zusammenkünfte. So stellt sich das Festival „Die Nächte des Ramadan“ dem Anspruch, die muslimische Fastenzeit durch ein vielseitiges Kulturprogramm zu bereichern. Höhepunkt dürfte eine lange Konzertnacht in der Kulturbrauerei am 10. September werden – sowie zum Finale ein ganztägiges Familienfest im Heimathafen Neukölln am 12. September. (www.naechtedesramadan.de).

Am Freitagabend hatte man einen besonderen Veranstaltungsort gewählt. Die 1250 Jahre alte Wüstenschlossfassade im Mschatta-Saal des Pergamonmuseums bietet eine imposante Kulisse für die genreübergreifende Performance „Seyahat – Eine Reise“. Sieben Künstler präsentieren ein Programm, das orientalische Klänge mit modernem Tanz und performativem Zeichnen verbindet. Trompeter Ritsche Koch und Drummer Christian Marien liefern minimalistische jazzige Improvisationen, zu denen der großartige Kadir Memis tanzt und dabei traditionelle Tänze wie den türkischen Zeybek mit Einflüssen aus Hip-Hop und Breakdance verbindet.

Mithilfe eines Tagtools – einem eigens modellierten Projektor – werfen Thomas Bratzke und Markus Dorninger Zeichnungen mit wechselnden Mustern und Farben an die Wände. Gemeinsam spielen sich die jungen Künstler in eine minutenlange Trance, der auch der Zuschauer verfällt. Immer wieder steigert sich die Performance von meditativ langsamen Passagen bis in orgiastische Intermezzi. Schließlich trägt Nevzat Akpinar seine klassischen türkischen Kompositionen auf der Baglama vor. Erfrischender können Kunst- und Kulturtraditionen nicht fusionieren. Florian Zimmer-Amrhein

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