KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Michael Schulz

ROCK

Unverbraucht:

Mother Tounge im Magnet

Ein groovendes Monster aus Metal-, Blues-, Grunge- und Rock-Referenzen – Mother Tongue bewiesen im Magnet, dass sie zu Recht als eine der besten Live-Bands gelten. Die Kalifornier David Gould (Bass und Gesang), Christian Leibfried, Bryan Tulao (beide Gitarre, Bass) und Sasha Popovic (Schlagzeug) begeistern auch nach 20 Jahren noch mit ihren Fusion-Gitarren und treibenden Drums. Die Songs klingen so unverbraucht, dass es schwer fällt zu glauben, dass Titel wie „Burn Baby“ oder „Damage“ bereits über anderthalb Jahrzehnte alt sind. Das liegt an der Experimentierfreude von Mother Tongue auf der Bühne. So wird das auf dem Album recht kompakte „Broken“ dank ausuferndem Gitarrensolo zur zehnminütigen Bühnennummer.

„Am liebsten würden wir die ganze Nacht durchspielen“, ruft Gould ins Publikum. Nach zwei Zugaben und gut 120 Minuten packen die vier dann aber doch zusammen. Was hätten sie auch noch spielen sollen? Das Quartett hat es in zwanzig Jahren auf nur vier Alben gebracht. Zahlreiche Umbesetzungen – nur Leibfried ist seit der Gründung im Jahr 1990 dabei – und Streit mit den Labels sorgten immer wieder für längere Pausen. Seit einigen Jahren vermarktet sich die Band selbst. Bisher hat sie alle Peinlichkeiten umschifft und wird bestimmt nicht als bräsige Altrocker-Combo enden. Ein fünftes Album muss bitte noch her. Michael Schulz

OPERETTE

Kess: Das Theater am Südwestkorso

erinnert an Fritzi Massary

Wenn heute tatsächlich noch irgendwo eine Operette auf den Spielplan gesetzt wird, sieht sie mit hoher Wahrscheinlichkeit so aus wie Offenbachs „La Périchole“ an der Komischen Oper in der Regie von Nicolas Stemann: moralinsauer und spaßfrei. Dass ein Abend aber durchaus gelingen kann, wenn man Stil und Ästhetik der Operette ernst nimmt, zeigt jetzt das Kleine Theater am Südwestkorso. Mit „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“ (Regie: James Edward Lyons) erinnert es an Fritzi Massary und die große Zeit der Berliner Operette der zwanziger Jahre. Die fiktive Geschichte, in der die Massary im Zug von Wien nach Berlin reist, ist geschickt um Originallieder aus zeitgenössischen Operetten herumgestrickt (am Klavier: Ferdinand von Seebach). Agnes Hilpert in der Hauptrolle besitzt markante Marlene-Dietrich-Züge und die Haltung und Würde einer Diva, bleibt allerdings im Spiel eher zurückhaltend. Ganz anders Boris Freytag als Ehemann Max Pallenberg. Er ist eine dauererregte, schwitzende Rampensau mit unglaublichem Grimassen-Repertoire, aber gefährlichem Hang zu Übertreibung und Karikatur. Überzeugen können vor allem Nini Stadlmann, die, obwohl sie eine erfolglose junge Sängerin spielt, eindeutig die beste Gesangsstimme mitbringt, und Franz Frickel, der feinnervig einen Journalisten und Massary-Bewunderer verkörpert. Obwohl der Abend mehrmals hart am Klamauk vorbeischrammt, macht er doch ein Stück Berliner Theatergeschichte auf charmante Weise wieder lebendig.Udo Badelt

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