KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Singen für die Singuhr:

Benefizkonzert in der Parochialkirche
Über eines war sich die Familie Mendelssohn einig: Die Predigt, die bei der Vermählung von Tochter Fanny in der Parochialkirche zu hören war, war schlecht. Aber immerhin war sie zu verstehen. Heute zählt das öffentliche Sprechen ohne Mikrofon zu den verloren gegangenen Kulturtechniken. Über Inhalt und Güte von Grußworten und Lesung beim Benefizkonzert zum Wiederaufbau der halligen und nur mit einer unzureichenden Lautsprecheranlage ausgestatteten Barockkirche müssen wir daher schweigen. Immerhin: wer die geistvollen, lebendigen und witzigen Briefe der Mendelssohns schon kannte, der ahnte, wie gut sich die Beschreibungen von Fannys Hochzeit mit der Wiederaufführung der von ihr zu diesem Anlass komponierten Cäcilien- und Faust-Kantaten durch den Kronenchor Friedrichstadt hätten verbinden können – und wie sehr das kreative und großzügige Bildungsbürgertum, das die Familie verkörperte, zum Vorbild für jenes moderne bürgerliche Engagement taugt, das Berlins Kultur so dringend braucht. Doch auch wenn das gesammelte Geld nicht in die Verbesserung von Akustik und Heizung der Barockkirche gehen wird, ist es gut angelegt: Es fließt in das ehrgeizige Vorhaben des Vereins „Denk mal an Berlin“, Turm und Glockenspiel des Gotteshauses zu rekonstruieren und die „Singuhrkirche“ wieder zu dem tönenden Wahrzeichen zu machen, das sie einmal war. Es ist die richtige Priorität: Denn Berlins städtebauliche Rumpelkammer zwischen Gertraudenstraße und Alexa braucht einen kulturellen Anziehungspunkt, der laut auf sich aufmerksam machen kann – auch ohne Worte. Carsten Niemann

POP

Tanzende Träumer:

The Whitest Boy Alive im Tape Club

Beim zweiten Mal wird alles noch viel besser. Dieses Versprechen haben The Whitest Boy Alive am Samstag wahr gemacht. Denn als die Band letztes Jahr auf dem Gelände des Tape Clubs ein Open-Air-Konzert gegeben hatten, waren mehr als 4000 Menschen gekommen. Das sprengte den Rahmen der Veranstaltung. Dieses Jahr sind die Organisatoren auf die Menschenmassen vorbereitet – mehr Klos, mehr Ausgänge, mehr Personal. Und so lassen sich die Fans nicht von den riesigen Pfützen um die Bühne herum stören. Wer Gummistiefel dabei hat, tanzt knöcheltief im Schlamm. Obwohl die vierköpfige Band um Erlend Øye mittlerweile europaweit bekannt ist, werden The Whitest Boy Alive wohl nirgends so verehrt wie in Berlin. Ob Songs wie „Courage“, „Intentions“ oder „Burning“, das Publikum singt jeden Text mit. Es herrscht eine Wohnzimmerstimmung, wie man sie sonst nur von den Nebenbühnen kleiner Festivals kennt. Da passt es auch, dass das Konzert zunehmend zur Jamsession wird. Gegen Ende überrascht die Band mit einem Cover des House-Hits „Show Me Love“. Hierbei kommt ihr melancholischer, elektronisch angehauchter Indiepopsound besonders zur Geltung, bei dem man nie weiß, ob man tanzen oder verzückt lauschen soll. Florian Zimmer-Amrhein

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