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Annabelle Seubert

KUNST AM BAU

Grün und gläsern: neue Transparenz für das Bundesfamilienministerium

Wer bei Ämtern an Papierkram und Anzugträger denkt, irrt nicht. Wer an monumentale Gummibäume und vorgetäuschte Fenster denkt, auch nicht: Das Treppenhaus im Foyer des Bundesfamilienministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Glinkastr. 24, Mitte) ist neuerdings mit einer Glaswand verkleidet, die verschönert und verwundert. Riesige grüne Blätter winden sich durch ein wabenartiges Gefüge aus Stufen und Geländern, ironisieren Elemente eines typischen Bürogebäudes und erschweren die Suche zum richtigen Aufgang. Veronika Kellndorfer ist für Irritationen im Alltag bekannt.

Die Künstlerin hat bereits mit einer Labyrinthstruktur Passanten am S-Bahnhof Bornholmer Straße in die Irre geführt. Sie konfrontiert mit der Illusion, um auf die Wirklichkeit aufmerksam zu machen. Denn, Reichstag oder Marie-Elisabeth-Lüders-Haus machen es vor, genau das will Kunst am Bau: die Außenwirkung aufhübschen, Klischees entfernen, Staub von strengen Gebäuden wischen. Kellndorfer gelingt das ziemlich gut. Ihre Verflechtung aus Fotografie und Architektur wirkt leicht, luftig und alles andere als schwarz-weiß. Sie kümmert sich nicht um Debatten, Vorträge und Versprechen. Viel lieber will sie den Betrachter spiegeln, seinen Sehsinn verunsichern und im nächsten Schritt zur Selbstreflexion anregen. Wem das nicht reicht, den schickt die gebürtige Münchnerin zum Innenhof. Dort hat sie den gesamten Neubau in ein gläsernes Gewand gehüllt. Annabelle Seubert

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