KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Unsichtbarer Dritter: Eliahu Inbal

mit dem Konzerthausorchester

Natürlich spielen sie alle Mahler in dieser doppelten Jubiläumssaison 2010/11, in der der Komponist 150 Jahre jung und 100 Jahre tot ist. Aber reicht das, wo seine unerhörten Symphonien längst den verdienten wie deprimierenden Einzug in den Orchesteralltag gefunden haben? Mahler durchzusetzen, das brauchen wir nicht mehr, Mahler verstehen dagegen sehr. Das Konzerthaus hat dazu drei Themenwochen mit „Musik um Mahler“ konzipiert, die viele Querverbindungen zum Klingen bringen wollen und dabei mit vier Symphonien einen nur relativ bescheidenen Einsatz an Originalmaterial benötigen. Der erste Abend dieser Mahler-Hommage beginnt gar ohne eine einzige Note des Giganten. Eliahu Inbal und das Konzerthausorchester spielen mit Oskar Fried und Dmitri Schostakowitsch Werke von zwei Gleichgesinnten: Fried, der Mahler-Zeitgenosse und geniale Interpret, lässt in seinem Melodram „Die Auswanderer“ kräftig Trauermärsche rollen. „Die armen Leut’ von hier, die armen Leut’“ ziehen darin aus der Armut in ein alles verschlingendes Babylon. Über ihnen kein Firmament. Mahler wäre das zu niedrig gewesen, und einem schlingernden Rezitator wie Jörg Gudzuhn hätte er wohl die Leviten gelesen.

Schostakowitschs Vierte verliert unter dem Mahler-Hörwinkel überraschend an Brisanz, obwohl sie sich so deutlich auf ihn bezieht. Die Tücke bei Gesprächen über abwesende Dritte ist ihre unterschwellig wachsende Präsenz. Inbal, der Ehrendirigent des Konzerthausorchesters, kann da mit seiner eher statuarischen Auffassung wenig gegensteuern. So dehnt sich die Zeit, bis die Celesta uns auf einem dunklen Stern absetzt. Kein Firmament, kaltes All? Wir ahnen, was wir an Mahler, dem Glutvollen haben (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

FILM

My Bonnie: Die Beziehungskomödie „Verrückt nach dir“

Der kriselnde Arbeitsmarkt führt dazu, dass immer mehr Paare getrennt leben. Gerade die Generation 25plus, die mit fragilen Karriereplänen hantiert, wird im Zeitalter der totalen Flexibilität in Sachen Liebe oft auf eine harte Probe gestellt. Und wessen Liebe auf der anderen Seite der USA lebt, kann keine Wochenend- sondern höchstens eine Quartalsbeziehung führen. Das Dilemma einer solchen Fernliebe erörtert Nanette Burstein in ihrer romantischen Komödie „Verrückt nach dir“ (In 16 Berliner Kinos, OV: Cinestar Sony-Center). Ganz ohne Geigen lernen sich Erin (Drew Barrymore) und Garrett (Justin Long) vor einer Spielkonsole in einer New Yorker Bar kennen und verbringen die Nacht zusammen. Eigentlich will Erin sich am Morgen aus der Affäre schleichen, denn in sechs Wochen muss sie nach Beendigung ihres Redaktionspraktikums wieder zurück nach San Francisco. Dennoch lassen sich die beiden aufeinander ein und die Liebe wird fortan per SMS, Skype und Telefon aufrechterhalten.

Kenntnisreich fährt Burstein in ihrem Spielfilmdebüt die Höhen und Tiefen einer Fernbeziehung ab: Sehnsuchtsanfälle, Eifersuchtsfantasien, misslungene Telefonsexversuche. Burstein versucht, ihre Komödie im Alltäglichen zu erden und das Genre auch für das männliche Publikum zu öffnen. Dazu gehören nicht nur eine paritätische Sichtweise und das stets mit sanfter Ironie durchzogene Spiel Drew Barrymores, sondern auch zwei Saufkumpane, die Garrett mit drastischen Kommentaren und einer guten Portion Toilettenhumor sekundieren.

Als Gegengift zur romantischen Essenz wirken die vulgären Exkurse zwar überdosiert, aber immerhin ist „Verrückt nach dir“ eines der wenigen amerikanischen Genreprodukte, das recht freizügig die sexuellen Bedürfnisse seiner Figuren formuliert. Letztlich fehlt hier jedoch der komödiantische Feinschliff, um romantische Bedürfnisse, Beziehungsrealismus und Humor befriedigend zusammenzubringen. Martin Schwickert

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