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THEATER

Der Broadway-Erfolg „Zweifel“

an der Vaganten-Bühne

Schwester Aloysius, Leiterin einer katholischen Schule in der Bronx, hasst Emotionen, verabscheut Mitgefühl und Fröhlichkeit, setzt auf Härte und Disziplin. Sie verfolgt einen jungen, ihrer Vermutung nach pädophilen Priester, erreicht seine Entfernung von der Schule und bricht weinend zusammen – unter den Zweifeln, die sie verfolgen. John Patrick Shanley erzählt diese Geschichte in seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Stück „Zweifel“, das 2008 einen großen Erfolg am Broadway hatte, mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman verfilmt wurde und jetzt von der Vaganten-Bühne herausgebracht worden ist. Auf den ersten Blick nur ist das ein Beitrag zur allgegenwärtigen Missbrauchsdebatte. Shanley geht es um mehr. Er macht die Unwiderlegbarkeit von Beschuldigungen zum Thema, gegen die Beweise und Gegenbeweise machtlos sind. Wo nichts vorgefallen ist, kann ein bloßer, lustvoll geschürter Verdacht zerstörerische Wirkungen entfalten. Oder ist, irgendwann, irgendwo doch etwas vorgefallen? Das Spiel um Schuld und Unschuld lässt der Autor irritierend in der Schwebe, Anklage und Verteidigung gehen ineinander über. Folke Braband hat das Stück inszeniert, auf einer kargen, zum Zuschauer hin offenen Bühne von Olga Lunow, und vertraut dem Dialog, verzichtet auf alles illustrative Beiwerk. Wie sich ein Mensch durch eigene Manipulation verändert, fast unbemerkt erst, dann aber böse und deutlich, zeigt Doris Prilop als Ordensschwester Aloysius mit verstörender Konsequenz. Katja Götz, als unerfahrene Schwester James, setzt ungeschützte Naivität und Verletzlichkeit dagegen. Tommaso Cacciaputti, Pater Flynn, zeigt zupackende Offenheit, in die dann doch Risse kommen. Die Szenen haben eine Spannung, die ganz aus den so unnachsichtig wie verständnisvoll beobachteten Wandlungen der Figuren kommt (wieder vom 7. bis 9. September). Christoph Funke

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