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MUSIKFEST

Höllentor: Das Concertgebouworkest

mit Mariss Jansons

Am Ende, bei Strawinskys „Feuervogel“, zündet der Funke. Mariss Jansons setzt Energien frei, die man zu Beginn des Abends bei allem Engagement doch vermisste. Zwar ist es nicht weiter schwer, mit Strawinskys „Höllentanz“ den Saal zum Beben zu bringen. Aber so spooky und zugleich unerbittlich, so abgründig irrlichternd hört man ihn selten. Eisern geschmiedete Unbedingtheit, glühende Passion, rasiermesserscharf die Sforzati. Auch beim sanft entschlafenden, vom somnambulen Fagott angeführten „Wiegenlied“ und dem vom Horn dominierten Schlusschoral ist die Präzision des Amsterdamer Concertgebouworkest endlich mehr als Handwerk, sondern Herzenssache: Allein die Oboen-Soli von Lucas Macías Navarro lohnen den Philharmonie-Besuch – und die übrigen Holzbläser stehen ihrem Kollegen kaum nach.

So lösen die letzten Minuten des „Feuervogels“ (gefolgt von zwei schmissigen Zugaben, Grieg und Dvorák) das Versprechen dieses Musikfest-Abends ein, der programmatisch musikalische Suchbewegungen vorstellt. Erst die Bläser, dann die Streicher, dann alle: Strawinskys kurze „Symphonien für Blasinstrumente“ (1920) sorgen für die Grundierung, ein flächig-atmosphärisches Patchwork, dessen ineinander verwobene Skalen synkopisch pulsieren, bis sie zum choralähnlichen Schluss in ein statisches Orgelregister münden.

In Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ dominiert wiederum die kreiselnde Chromatik. Ein fragender Gestus und noch im Pianissimo obsessives Herumirren, das etwas mehr innere Spannung erfordert hätte und weniger vordergründige Expressivität. Vor dem Feuervogel schließlich Luciano Berios „Quatre dédicaces“: kollektive Montagetechnik, sich türmende, verschiebende Klangschichten als etwas angestrengter Versuch, über Verdichtung Verbindlichkeit herzustellen. Noch zu Beginn des „Feuervogels“ vermisst man Klangfarbenvielfalt und wünschte sich ein freieres Spiel der Kräfte. Bis Jansons alle Zweifel hinwegfegt. Christiane Peitz

JÜDISCHE KULTURTAGE

Himmelwärts: Yoel Gamzou

vollendet Mahlers Zehnte

Liest man die Worte, die Yoel Gamzou der Welturaufführung seiner Fassung von Mahlers 10. Symphonie voranstellt, kommt man unweigerlich ins Rechnen. „Heute präsentiere ich Ihnen den Höhepunkt von sieben Jahren Arbeit und tatsächlich die Früchte meines Lebenswerks“, schreibt der 23-jährige Dirigent und Orchestergründer. „Ich fühle, dass die anständige Vollendung der Symphonie meine Mission auf dieser Erde ist und dass ich diese Mission heute erfüllt habe.“ Genau 100 Jahre nachdem Gustav Mahler die letzte Note seines Fragment gebliebenen Vermächtnisses niederschrieb, präsentiert Gazou seine Rekonstruktion als Abschlusskonzert der Jüdischen Kulturtage in der Synagoge Rykestraße. Als er die Skizzen der Zehnten zum ersten Mal sah, blickte er auch auf die „größte musikalische Leistung, der ich je begegnet bin“, und auf „die ersten Schritte in die Post-Tonalität“. Der damals 16-Jährige begann, die starken Stücke neu zu schmieden, bewusst ungeachtet anderer Fassungen, wie die inzwischen auf den Konzertpodien durchgesetzte Version von Derryck Cooke. Gamzou will Mahler aus der Sicht des Musikers vollenden, und die Zehnte so „Mahlerisch“ klingen lassen wie möglich.

Ein trügerisches Unterfangen, denn Mahlers Zehnte dringt weit über das hinaus, was er bislang komponierte. Die Leerstellen mit dem bekannten Mahler-Stilkompendium zu füllen, lässt dieses Werk als vertrauter erscheinen, als es wohl sein wollte. Ein Widerspruch, der auch die Cooke-Fassung prägt. Alles, was da verstörend klingt, ist garantiert Original-Mahler. Wenn Mahler sich mit der Neunten von der Welt verabschiedet hat, dann ist seine Zehnte eine Wiedergeburt unter Schmerzen, nach einem furchterregenden Außer-sich-sein, einer Teufelsaustreibung. Mit dem Sturz aus dem Liebesglück zerbricht für Mahler auch die Tonalität, wie bei Schönberg, und eine Auslöschung des Ichs beginnt. Wie es wieder aufersteht, davon könnte die Zehnte erzählen. Doch Yoel Gamzou steckt viel zu tief im Mahler-Nahkampf, um dem Werk tiefe Klarheit schenken zu können. Unglücklicherweise dirigiert er zuvor mit seinem International Mahler Orchestra noch Mozart. Der Konzertabend schwillt auf drei Stunden an, die Konzentration von Orchester und Dirigent beginnt zu schwanken. Und in den Jubel für den unerschrockenen Gamzou mischt sich etwas Erleichterung: Seine Mission auf Erden ist noch lange nicht beendet. Ulrich Amling

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