KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Musikfest: Ensemble Modern

mit Beat Furrers „Begehren“

Konzerte wie das mit dem Ensemble Modern unter Beat Furrer, mit der Schola Heidelberg, Petra Hoffmann (Sopran), Jonathan Boyd (Tenor) und Johann Leutgeb als Sprecher, können wahrscheinlich nur beim Musikfest gegeben werden. So vielschichtig sind sie in der Zusammenstellung, die Ohren und Sinne fordert, zugleich auf so hohem Niveau musiziert. Und wie lange sind sie. Zweieinhalb Stunden dauert der Abend, der mit Strawinskys Élégie für Viola solo in der Darbietung durch Megumi Kasakawa zunächst eine paradoxe Strategie von Zirzensität demonstriert, ein Spektakel an Schmucklosigkeit, fahl eingefärbt, aufregend in seiner absoluten Ruhe. Danach strahlt Boyds Tenor in Strawinskys sanft aufbegehrendem „In memoriam Dylan Thomas“. Ein Streichquartett und vier Posaunen übersetzen gleichsam über seinen Kopf hinweg. Jetzt erst erscheint die gesamte Schola, tritt Furrer ans Pult: ein ungemein präzise schlagender, die Klänge exekutierender Dirigent, dessen Musiktheaterwerk „Begehren“ auf den Orpheus-Mythos die zweite Konzerthälfte ausmachen wird.

Es ist ein tiefernstes, schwieriges Erzählen von Nähe und Verlust, das Furrer nach Ovid, Broch oder Eich in eine Musik gesetzt hat, die bis in die kleinsten Winkel hinein ausgearbeitet ist, so schön und gläsern tönend, die Ebenen so fein verknüpfend, dass in all dem Aufruhr, dem Zischeln, Fiepen, Gurgeln und Verstummen von Sprecher, Sängerin, Chor und Orchester die Verse zwar verlorengehen, aber dennoch ein tatsächlich anderer Raum hervorleuchten kann: die Kunst. Oder die Liebe. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Konzerthaus: Liederabend

mit dem Bariton Dietrich Henschel

Nein, ein Vergnügen ist dieser Liederabend im Konzerthaus nicht. Zu sehr geht an die Nieren, was Dietrich Henschel da zusammengestellt hat: Lieder vom Soldatenleben, die allesamt das klingende Spiel und die bunten Uniformen nebst dazugehörigem Heldentum Lügen strafen, Schmerz und Tod in den grellsten Farben ausmalen. Sie ranken sich um Gustav Mahlers Wunderhorn-Lied „Wo die schönen Trompeten blasen” – nämlich am grünen Rasen, der den Herzallerliebsten bedeckt.

Melancholie und Aufbegehren liegen hier nahe beieinander. Nicht Belcanto ist hier gefragt, Geschmeidigkeit und Bruchlosigkeit der Register, sondern Wahrheit des Ausdrucks. Das fast geschluchzte „Tralala“ der „Revelge“ oder das angesichts des Galgens herausgeschriene „Gute Nacht“ in „Der Tambourgs’ell“ sind von ungeheurer Dramatik. Frappierend ist bei diesen „Wunderhorn”-Liedern aber auch, wieviel sich von ihren Trommelwirbeln und unversehens ins schwerste „Kondukt“-Zeitmaß umschlagenden Märschen in Mahlers Sinfonien wiederfindet – Michael Schäfer am Klavier macht dies mit plastisch lautmalender Virtuosität kenntlich.

Auch die Gesänge im ersten Programmteil von Strauss, Schumann und Pfitzner folgen dem harschen Grundton des Abends. Pfitzners melancholisch fließendes Landschaftsbild „An die Mark“ ist da sensibel gestaltete Ausnahme. Und in „Sonst” nach Joseph von Eichendorff legt Henschel eine so köstlich ironische Szene eines verschämten Tête-à-Tête hin, dass nun doch ein unbeschwertes Vergnügen aufkommt. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben