KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

MUSIKFEST

Kontemplativ komplex: Graindelavoix in der Gethsemanekirche

Ein uneinholbarer Ausreißer auf der Zeitachse des Musikfests scheint dieser Abend in der Gethsemanekirche zu sein. Musik des späten 14. Jahrhunderts – ein antiquiertes Gegenbild zum Festivalschwerpunkt um Luciano Berio und Pierre Boulez? Mitnichten! Die kompositionsästhetischen Brücken, die die Moderne immer wieder zur Vokalpolyphonie des Mittelalters gebaut hat, werden in diesem Konzert bloß vom anderen Ufer beleuchtet. „Ars difformiter difformis“ nennt das achtköpfige belgische Vokalensemble Graindelavoix um den Dirigenten Björn Schmelzer das Programm, das den Hörer meditativ entspannt und zugleich akademisch überfordert.

Es kommt auf die Haltung an. Gibt man sich den Stimmgeflechten hin, lässt man die chamäleonartig sich wandelnden Zusammenklänge an sich vorbeirauschen, schafft das wunderbar homogen klingende Ensemble akustische Entspannungsübungen – mal mit klagender Solostimme und erkennbaren musikalischen Konturen, mal jeglichem Zeit- und Ordnungsgefühl enthoben. Und dann ist da die konstruktivistische Seite der ars subtilior, wie die Wissenschaft die französische Musik des späten Mittelalters nennt: es sind die kleinteilig polyphon verwobenen Werke, in denen, wie Schmelzer schreibt, „Naturalismus und Kunstfertigkeit unterscheidbar werden“. Die Kunstfertigkeit vertikal und horizontal gesponnener Zusammenklänge – die Moderne spricht hier in ganz ähnlicher Intention von Materialbehandlung –, beherrschen Graindelavoix dabei emphatisch und doch so unaufdringlich, dass es bisweilen zum Genuss wird, sich überfordern zu lassen. Und plötzlich scheint Boulez ganz nah. Daniel Wixforth

FILM

Mitfühlzentrale: „Zarte Parasiten“ von Becker/Schwabe

Kino, das ist ein Gefühl, das man kaufen kann. Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne) handeln mit der Ware Liebe, sie sind „Zarte Parasiten“, so der Titel des nach „Egoshooter“ zweiten Films von Christian Becker und Oliver Schwabe. Ein junges Paar kampiert im Wald und geht mit dem hausieren, was vielen Menschen fehlt: Aufmerksamkeit, Zuwendung, Nähe. Die beiden kommen aus dem Nichts, nisten sich im Leben der anderen ein und lassen sich diskret dafür entlohnen. Von der bettlägerigen Frau, die den beiden gern mal beim Sex zusieht und ansonsten liebevoll von Manu umsorgt wird oder von Martin (Sylvester Groth) und Claudia (Corinna Kirchhoff), einem wohlhabenden Ehepaar, das in Jakob einen Ersatz für den tragisch verlorenen Sohn findet.

Generation Überlebenskunst. In „Die fetten Jahre sind vorbei“ rebellierte die Jugend gegen das Establishment. Ihre Waffe war die spielerische Enteignung, der anarchische Witz. Jetzt ist Schluss mit Spaßguerilla. Auch Jakob und Manu brechen den Hausfrieden, aber nicht um das Bürgertum zu stören, sondern um an ihm teilzuhaben – mit simulierter Empathie. Ihre Mitfühlzentrale bietet Transferleistungen zum pragmatischen Zweck des finanziellen wie emotionalen Profits. Als Jakob beginnt, sich in der Sohnesrolle wohl zu fühlen, kippt das Geschäft mit der Sehnsucht der Eltern. Jakob bietet Familienersatz und findet eine Ersatzfamilie. Die Liebe der beiden Nomaden wird auf eine harte Probe gestellt.

Rückenansichten, Wohnzimmer-Stillleben, elliptische Erzählweise: Becker und Schwabe entwickeln eine kühle Bildsprache. Leider misstraut das Duo der Ausdruckskraft seines Kammerspiels und motzt es mit bedeutungsschweren Dialogen auf. Aber als Versuchsanordnung über die seelischen Defizite einer beziehungslosen Gesellschaft macht „Zarte Parasiten“ allemal Eindruck (Eiszeit, Neue Kant Kinos). Christiane Peitz

KLASSIK

Erbarmungslos: Grau/Schumacher

spielen Mahler vierhändig

Was für ein Werk! Ein Panorama des Katastrophalen enthüllt Mahlers 6. Sinfonie, eine tief pessimistische Sicht auf eine geradewegs in den Ersten Weltkrieg marschierende Zeit. Folgerichtig steht auch sie unter dem Motto „Wo die schönen Trompeten blasen“, das der erste Teil des Konzerthaus-Projekts „Musik mit Mahler“ in Anspielung auf das verstörende „Wunderhorn“-Lied trägt. Wenn das Klavierduo Andreas Grau und Götz Schumacher sich über eine Stunde an der vierhändigen Fassung von Zemlinsky abgearbeitet hat, ist dies gespenstisch greifbar geworden. Alles versöhnlich Sinnliche, was die klangfarbenreiche Orchesterfassung noch austrahlen mag, ist von ihr abgefallen. Das nackte Gerippe des schwarz-weißen Tastenklangs entblößt erbarmungslose Strukturen, die das Riesenwerk zusammenhalten. Über zwei Sätze lang pocht der unerbittliche Marschrhythmus, dem auch ein lichter Choral und das emphatische Seitenthema nicht abhelfen können, der sich im Scherzo zum Walzertakt zusammenkrümmt. Die schwelgerische Melodik des Andante sticht umso schmerzhafter hervor, verflüchtigt sich in irreal schwebende Klangflächen. Im Finale prallen die Dissonanzen in nie gehörter Härte aufeinander – Mahler, Komponist des unaussprechlich Entsetzlichen. Zuvor sprechen drei „Marches militaires“ von Schubert von heileren, rhythmisch beschwingten Welten. Doch auch sie erschüttern sich selbst mit harmonischen Eintrübungen, weisen den Puls des „Winterreisen“-Wanderers auf, den Mahler zu dem des „fahrenden Gesellen“ macht. Isabel Herzfeld

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