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KLASSIK

Zwitterwesen: Marek Janowski mit dem RSB beim Musikfest

Eine Schauspielmusik als konzertantes Ereignis: So interpretiert Marek Janowski die Suite „Der Bürger als Edelmann“, die Strauss aus seiner Bühnenmusik zu Molières „Bourgeois gentilhomme“ destilliert hat. Es war ein Irrtum Hofmannsthals und des Komponisten, dass sich Sprechtheater und die Oper „Ariadne“ in angemessener Besetzung kombinieren ließen. Das Zwitterwesen ein Schmerzenskind, bis „Ariadne“ mit neuem Vorspiel siegte. Es ist bemerkenswert, dass Janowski diese Suite auswendig dirigiert und zur Herzenssache macht. Sein Rundfunk-Sinfonieorchester, das ihm in der Philharmonie mit kunstfertiger Ergebenheit folgt, dient einer Interpretation der Zusammenfassung. Integriert sind die Soli, auch der Violine mit ihrer Polonaise, in ein Gesamtbild aus dem Geist der Oper. Im Menuett des Lully blüht das Strauss-Orchester. Tänze des 17. Jahrhunderts stecken auch in dem Ballett „Agon“, das sich Strawinsky zum 75. Geburtstag geschenkt hat. Aber hier wird aus klassizistischer Strenge und Ziselierung neuer Reichtum: Trompetengeschmetter, Mandoline, Solostreicher, Zwölftonwege für 12 Balanchine-Tänzer. Adaption auch bei Luciano Berio, dem zweiten Zentralmeister des Musikfests: „Voci“ ist ein Bratschenkonzert, von Antoine Tamestit mit heller Virtuosität gespielt, das auf sizilianischer Folklore fußt. Es wirkt wie Raummusik, die sich auf einem Podium versammelt, weil die Musiker von einzelnen Pulten Klänge in weitem Ambitus aussenden. Avantgarde-Farbenspiel. Janowski bevorzugt Strauss. Sybill Mahlke

PREISVERLEIHUNG

Mäzene zeigen: Die Gala des Deutschen Kulturförderpreises

Tue Gutes und rede darüber: Mit einer Gala in der prächtigen Berliner BDI-Repräsentanz ehrt der „Kulturkreis der deutschen Wirtschaft“ alljährlich Unternehmen, die sich als Sponsoren für die schönen Künste engagieren. Der „Deutsche Kulturförderpreis“ ist zwar undotiert, aber unbezahlbar, was die Imagewirkung angeht: Diesmal profitieren davon die Mainzer Firma „Intervideo“, die einen Wettbewerb für Nachwuchsfilmer ins Leben gerufen hat, die DKB-Stiftung, die eine „Berlin-Brandenburgische Kinderchorwerkstatt“ in Neuruppin mitfinanziert, sowie die BASF, die das „Junge Theater im Delta“ unterstützt, ein Education-Projekt der Theater Heidelberg, Ludwigshafen und Mannheim. Hochkarätig ist die 13-köpfige Jury besetzt, mit einem Liechtensteinischen Prinzen, Aufsichtsräten, Intendanten, Chefredakteuren – und zwei Damen. „Ich bin der Zierrat“, definiert Schauspielerin Maria Furtwängler ihre Rolle, und die erstaunlich schlagfertige Moderatorin des Abends, ZDF-Frau Barbara Hahlweg, antwortet: „Ja, das stimmt.“ Überhaupt ist die Stimmung erstaunlich locker für einen so offiziellen Anlass. Karl-Theodor zu Guttenberg glänzt mit einer von Selbstironie durchwirkten Festrede, Ex-Handelsblatt-Chef Bernd Ziesemer berichtet von seinem sangesfreudigen Fünfjährigen, der jeden Straßenfußball-Kick mit der Nationalhymne beginnt, und die Schriftsteller-Combo „Fön“ rockt den Saal mit wortwitzigen Chansons. Wirtschaftswunderbar. Frederik Hanssen

KUNST

Boten der Wildnis: Pflanzenfotografie in der Alfred-Erhardt-Stiftung

Ein wundersames Paralleluniversum existiert in der Stadt, zarte Pflanzen wuchern zwischen Betonsteinen und Asphaltdecke. Die Ausstellung „Urbane Gewächse – Positionen zeitgenössischer Pflanzenfotografie“ in der Alfred-Erhardt-Stiftung lenkt den Blick auf den Wildwuchs in der versiegelten Welt (bis 26.9., Auguststraße 75, Di bis So 11-18, Do 11-21 Uhr). Sechs Fotografen haben sich Großstadtpflanzen aus der Nähe angeschaut. Die Konzentration auf das Detail vergrößert den Augenblick. Ralph Samuel Grossmann hat am Hauptbahnhof Leinkraut und Klee gefunden. In der weißen Porzellanvase wirken die strauchigen Stängel sehr artig. Aus den Blüten destilliert der Fotograf vier Farben. Zusammen ergeben sie ein abstraktes Bild. Flora ist hier die Mutter der Moderne. Annabelle Fürstenau seziert Blüten, übrig bleiben Blätter, Staubfäden und Stempel. Ihre Fotos erinnern an die Zeichnungen einer Forschungsreisenden, doch ihre Expedition findet auf vertrautem Gelände statt. In den Fotogrammen von Claudia Fährenkemper durchleuchtet die Sonne Blütenköpfe von Diesteln. Sie wirken autark, diese Unkräuter und Zierpflanzen, auf geheimnisvolle Weise in widrige Umgebung verweht. Verlässt man die Galerie, fällt der Blick auf vergitterte Baumscheiben und Gehwegsprösslinge. Unter dem Pflaster wuchert die Wildnis. Simone Reber

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