KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Simon Rattle dirigiert

Berios „Coro“ beim Musikfest

Die Bühne sieht aus, als hätten die Philharmoniker „Mein rechter, rechter Platz ist leer“ gespielt: Neben jedem Musiker sitzt nämlich ein Mitglied des Rundfunkchores Berlin. Die bunte Reihe mit 84 Künstlern hat Luciano Berio 1975 für „Coro“ erfunden. In mannigfaltigen Soli treten Sänger und Instrumentalisten in Dialog (herausragend der Quasi-Rap von Sopranistin Isabelle Voßkühler und Konzertmeister Daishin Kashimoto). Vor allem aber kommunizieren hier unterschiedlichste Gruppen miteinander wie auf einer Agora, einem antiken Marktplatz. Da wird gezischelt und geflüstert, geflirtet und getanzt, da schwillt Gemurmel zum kollektiven Schrei an und verebbt wieder im flächigen Orchesterklang.

Gleichzeitig aber konzipiert Berio diese Versammlungsstätte auch als Forum humanum, indem er Verse aus vielerlei Kulturen kombiniert und Worte Pablo Nerudas als roten Faden in die babylonische Sprachcollage einwebt. Ein aufführungspraktischer Kraftakt: Immer wieder müssen die Sänger ihre Stimmgabeln hervorholen, um sich im Dickicht der Cluster zurechtzufinden. Die Koordinations- und Konzentrationsleistung, die Simon Rattle und seine Mitstreiter vollbringen, flößt Respekt ein. Für die Aufführung so eines akustischen Hybrids bedarf es wahrlich eines außergewöhnlichen Anlasses wie des „Musikfests Berlin“. Schade nur, dass die Übertitelanlage ausgeschaltet bleibt, die Worte darum weitgehend unverstanden verhallen.

Nach der Pause noch ein Schlüsselwerk musikalischer Montagetechnik: Bei Strawinskys „Pulcinella“ sehr frei nach Pergolesi ist Rattle in seinem Element, arbeitet virtuos heraus, wie der Russe seine italienischen Vorlagen immer weiter übermalt, Rhythmen anschärft, den Energielevel anhebt, bis dem Barock schließlich fast seine erste Silbe verloren geht. Hier können die Philharmoniker glänzen, quer durch alle Stimmgruppen – und sie tun’s mit Hingabe. Frederik Hanssen

KUNST

Kurz und kurzweilig: ein Festival

aus Jakarta zu Gast im KunstBüro

Wieder und wieder schlägt sich Reza Asung Afisina ins Gesicht. Atemlos zitiert der Künstler dabei Verse aus dem Lukas-Evangelium, die vor Heuchelei warnen – bis er völlig erschöpft die Videokamera ausschaltet. Anggun Priambodo dagegen parodiert indonesische Seifenopern: Er spielt, und das brillant, alle Charaktere einfach selbst. Was über die Wand des Charlottenburger KunstBüros flimmert, ist eine Berliner Premiere: eine kurze Anthologie des „Ok.Video“-Festivals, das seit 2003 alle zwei Jahre in Jakarta stattfindet (Uhlandstr. 162. Bis 16.10., Mi-Fr 12-19, Sa 13-16 Uhr). Die Kuratorin Katerina Valdivia Bruch hat elf Beiträge aus sieben Jahren hierher gebracht, der Künstler und Kurator Hafiz, der das Festival gemeinsam mit der Gruppe „Ruangrupa“ leitet, ist mitgereist. „Die Zeit vor 1998, die Diktatur, war das analoge Zeitalter“, sagt er, „nach 1998 begann das digitale.“

„Ok.Video“ ist ein Kind der Demokratie. Das Festival findet vor allem auf Straßen und Plätzen statt, in Workshops unterrichten Videokünstler. Die Beiträge handeln von Massenmedien, China, Propaganda, Stadtentwicklung, sie sind kurz und kurzweilig, sie wackeln, flimmern und krächzen – was Hafiz und seine Kollegen wissend in Kauf nehmen. Ihnen geht es mehr um Inhalt als um Form und das Training der freien Meinungsäußerung. Die raue Ästhetik hat ihre eigene Qualität: So gleicht der Motorenlärm in Tiong Angs Aufnahmen vermummter Mopedfahrer einem Konzert von Presslufthämmern, das die Luftverschmutzung in Yogyakarta geradezu schmerzhaft hörbar macht. Claudia Wahjudi

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