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KLASSIK

Jenseits von Afrika: Das britische Duke Quartet beim Musikfest

Popularität ist oft genug das hartnäckige Festhalten an Missverständnissen. Im Fall des Komponisten Kevin Volans begann sie mit einem enorm erfolgreichen Album des Kronos Quartet. „Pieces of Africa“ von 1992 enthielt auch Volans’ Stück mit dem ironischen Titel „White Man Sleeps“. Volans, der weiße Südafrikaner, war in einer Blase europäischer Musiktradition aufgewachsen. Die Musik seines Kontinents lernte er nur nebenbei kennen, auf dem Weg nach der Schule, wo er dem Gitarrenspiel der Zulus lauschte – um zu Hause selbst Chopin zu spielen. All das fiel Volans auf, als er Karlheinz Stockhausens Student in Köln wurde und der Klang der Heimat in ihm nachhallte. Er begann ihn zu sammeln, als Musikethnologe und in seinen Kompositionen. Aus dieser Zeit stammt „White Man Sleeps“. Doch dann drängte Volans die afrikanischen Zitate aus seinem Schaffen, reflektierte seine Herkunft stärker in der Struktur seiner Werke, in ihrer kreisenden Dramaturgie, ihrer rauen Klanglichkeit. Das ist keine knackige Ethnoklassik à la Kronos mehr, die beim Volans-Porträt des Musikfests Berlin in der Parochialkirche erklingt. Das britische Duke Quartet widersteht jeder Äußerlichkeit, dient der Musik ergeben, ohne für sie gewinnen zu wollen. Die oft leer gestrichenen Saiten ziehen resonanzlos durch den Riesenraum, und die Kirchenbänke werden härter. Afrikanische Musiker, referiert Volans im Programmheft, nehmen Wiederholungen nicht als solche wahr, sondern als fließende Musik. Wer darauf in eine Decke gehüllt wartet, bemerkt schmerzlich, dass er sich jenseits von Afrika befindet. Ulrich Amling

KUNST

Vorsicht Falle: Barbara Cavengs Sozialparkett im Gutshof Britz

„Wo ist mein Stuhl?“ fragt eine Besucherin, als sie in Strümpfen über Barbara Cavengs Neuköllner Sozialparkett im Pferdestall des Gutshofes Britz tapst. (bis 12.11. Alt Britz 81, Di-So 10-18 Uhr). Etwa 500 Neuköllner haben alte Möbel gespendet. Küchenschränke, Betten oder Nachttische wurden zu über 4000 Parkettstäben. Der buntgescheckte Fußboden liest sich wie ein Soziogramm. Naturholz liegt neben billigem Pressspan. Rosendeko imitiert Bauernmöbel. Dabei ist der Fußboden voller Stolperfallen, denn die Schweizer Künstlerin mit dem flammendroten Bob hat für ihr Mosaik Schubladengriffe, Zierknöpfe oder Scharniere stehen gelassen. In Berlin fiel Caveng erstmals mit ihrer Fotoserie „finalmeals“ im Postfuhramt auf. Da inszenierte sie die Henkersmahlzeiten von US-Todeskandidaten für die Kamera. Ihre Parkett-Trilogie ist nach dem rohen Kunstparkett, dem robusten Belziger Volksparkett nun mit dem holprigen Sozialparkett abgeschlossen. Simone Reber

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