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MUSIKFEST

Farbenreich: David Robertson und das DSO spielen Boulez und Ravel

Hat mal jemand behauptet, die Musik von Pierre Boulez sei unzugänglich, emotionslos, interessant höchstens durch ihre absolute Logik? Zumindest die Orchesterwerke des französischen Avantgardisten, die beim Musikfest zu erleben sind, überwältigen durch Farbenreichtum und Sinnlichkeit des Klangs. „Figures – Doubles – Prismes“, das seine Motive wie im Kaleidoskop hin- und herwendet, ist da keine Ausnahme. Und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin gibt zu seiner Saisoneröffnung in der Philharmonie alles, um die fast schmerzhafte Buntheit Gestalt werden zu lassen. Allein die fließende Bewegung der Schlaginstrumente durch fünf unterschiedlich besetzte Orchestergruppen, von hell nach dunkel, von Holz nach Metall! Oder die subtilen Mischungen von Streichern und Holzbläsern, die das Blech dunkel abschattiert. Leider ist Dirigent David Robertson kein Klangmagier: Nüchtern organisiert er das Material – und so zerfällt das Stück zwischen geheimnisvollem Anfang und wirkungsvoller Stretta doch ein wenig zum bunten Flickenteppich.

Maurice Ravels „Daphnis et Chloë“ ist quasi die Hexenküche, in der Boulez seine Klangalchimie erlernte. In der kompletten Ballettfassung hat der textlose Chor großen Anteil, hier mit subtiler Präzision vom Cantus Domus und dem Ensemberlino Vocale ausgeführt. Doch manches Detail wie die regelmäßig zu früh einsetzende Celesta weist darauf hin, dass die gemeinsame Atmung des Riesenorchesters zuweilen gestört ist. Auch Bartóks „Divertimento für Streichorchester” zeigt zwar geschmeidigen Klang und plastisches Unisono. Doch die herzerschütternde Spannung des Molto Adagio will sich nicht recht einstellen. Isabel Herzfeld

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