KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

TANZ

Schwarzweißes Match:

Boyzie Cekwana im Ballhaus

„Influx Controls“ hieß das starre System von Gesetzen, das 1923 von der südafrikanischen Regierung verabschiedet wurde und Schwarzen verbot, sich frei zu bewegen. In „Influx Controls: I wanna be wanna be“ (Ballhaus Naunynstraße, noch einmal 18.9., 20 Uhr) untersucht der südafrikanische Choreograf und Tänzer Boyzie Cekwana seine Identität vor dem Hintergrund von Apartheid und globalem Kolonialismus. Zunächst schminkt er sich das Gesicht pechschwarz und malt sich dicke rote Lippen, und wird so zum Negativ eines Clowns: „Wenn alle gleich wären, würde ich mein Make-up nicht auf der Bühne auftragen und so tun, als wäre das gute Kunst“. Einen Sprengstoffgürtel um die Brust geschnallt, tritt er auf der Stelle, rennt, ohne vorwärts zu kommen. Später schlüpft er in ein weißes Balletttutu und setzt sich eine Dornenkrone auf – doch ein hinterhältiges Spiel mit Projektionen und Vorurteilen wird hier nicht angezettelt. Auch die Berliner Konferenz von 1884 wird kurz erwähnt, die die Grundlage für die Aufteilung Afrikas in Kolonien bildet. Doch es bleibt bei Stichworten, Anspielungen, die ohne Kontext ins Vage driften. Überraschend ist der Moment, in dem 14 Zuschauer plötzlich Zulu-Gesänge anstimmen. Das einzige Mal, da sich etwas dreht in diesem Match Schwarz gegen Weiß, da die Wahrnehmung sich ändert. Dem Exkurs ins politische Kabarett, den Seitenhieben auf Angela Merkel und Thilo Sarrazin, fehlt es dann an Schärfe. Ein Abend ohne künstlerische Sprengkraft. Sandra Luzina

MUSIKFEST

Ritual: Lothar Zagrosek

mit dem Konzerthausorchester

Ein Pistolenschuss knallt, es jammert die singende Säge. So bringt Hans Zender „Cinq Préludes“ von Debussy auf den clownesken Punkt und die Klaviermusik ins Orchesterkonzert: Instrumentierung, in der Farben spielen. Im Programm des Musikfestes darf dies als eine reizende Zutat gelten, ebenso das Doppelkonzert für Oboe und Harfe von Lutoslawski, ein Stück polnischer Moderne mit Clustern und heiterem Marsch. Imponierend der Einsatz der Harfenistin Cambreling, die zusätzlich Berio spielt, erst solo „Sequenza II“, dann „Chemin I“. Sie traktiert neben den Saiten den Resonanzkasten ihres Instruments, und dazu gesellen sich weitere Harfen und Streicherpizzikati.

Dies alles erstreckt sich in der Philharmonie, bevor es spät zum Hauptereignis des Abends kommt: „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ von Pierre Boulez. Scharouns Konzertsaal, in dem sich ein Bläsertutti mit Gongs und Tamtams auf dem Podium und sieben Ensemblegruppen auf den „Weinbergen“ befinden, wird zum atmosphärischen Ort einer Zeremonie. In der Mitte waltet Lothar Zagrosek, der bewundernswerte Dirigent neuer Musik, koordinierend und inspirierend. Worin ihm die Solistengruppen seines flexiblen Konzerthausorchesters mit jeweils einer Percussionsbegleitung folgen, ist eine Déploration für Maderna, die auf der Märchenzahl 7, den 7 Buchstaben seines Namens, basiert. Der italienische Komponist war Boulez’ Freund und Wegbegleiter, der auch gern Opern dirigiert hat (im Westberlin der sechziger Jahre u.a. Wieland Wagners „Salome“ mit Anja Silja). Diese Trauermusik sublimiert die kabbalistische Kopfarbeit von Boulez: Erinnerung, herzbewegende Klänge. Sybill Mahlke

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