KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Explosiv: Pierre Boulez

und die Berliner Philharmoniker

Er hatte keine Lust mehr, immer nur „Nein“ zu denken, erzählt Pierre Boulez vor Konzertbeginn in der Philharmonie. Nach dem „Verboten, Verboten!“ der verregelten Zwölftonmusik wollte er die Töne mittels Elektronik entgrenzen. Bloß dass die Computer der 70er Jahre mit seiner Fantasie nicht Schritt halten konnten – weshalb „...explosante-fixe...“ für Flöte, Live-Elektronik und Kammerensemble zwar schon damals erdacht, aber erst 1993 uraufgeführt wurde. Kaum zu glauben, dass dieser freundliche 85-Jährige, dessen zurückhaltendes Dirigat alles Augenmerk auf die Musiker lenkt, der wohl bedeutendste lebende Komponist ist. Den ganz Großen ist Eitelkeit eben fremd.

Bei „...explosante-fixe...“, seiner vom lebhaften Stimmengewirr bis zum Kernmotiv um den Grundton Es rückwärts entwickelten Strawinsky-Hommage, verzichtet er auf sein geliebtes Schlagwerk und intoniert einen Disput unter Freunden. Zwar gibt Soloflötist Emmanuel Pahud den Ton an (ihm folgt auch die Live-Elektronik mit zarten Irritationen und Raumeffekten), dennoch regiert die Schwarmintelligenz. Ein jeder spielt in etwa das Gleiche, aber nach eigener Façon – die Philharmoniker tun’s mit Vergnügen. Balsam für die Seele: Das von Kanon- und Echoeffekten, kleinen Unruheherden und zittrigen Tutti durchsetzte Wucherwerk wird von zwei elektronischen Ruhephasen (bei gedimmtem Licht) unterbrochen, wie überhaupt jede Aufregung gleich wieder verebbt. Konkurrenzkampf? Gesetz des Stärkeren? Es geht auch ohne Hackordnung.

Er mag die Finesse von Strawinskys Kurzoper „Le Rossignol“, auch das hatte Boulez erzählt. Die von zehn Solisten, dem Rundfunkchor und den Philharmonikern mit hoher Transparenz vorgetragene Chinoiserie nimmt den umgekehrten Weg – und wieder gibt die Flöte den Ton an. Sie führt aus der schlichten, mit der Naturschönheit in Einklang befindlichen Welt der Bauern und Fischer in den eklektizistischen, entfremdeten Prunk des Kaiserhofs. Eine Entdeckung ist der für Ian Bostridge eingesprungene litauische Tenor Edgaras Montvidas, anrührend der schutzlos gläserne Nachtigallengesang von Barbara Hannigan. Christiane Peitz

KLASSIK

Klug: Donnald Runnicles

in der Deutschen Oper

Anfang und Ausklang der musikalischen Romantik sind die Pole, zwischen denen sich das Konzert des Orchesters der Deutschen Oper aufspannt. Das metaphysische Unwohlsein, der Abgrund, in den das Individuum blickt, sind in Schuberts „Unvollendeter“ noch abstrakt und nur geahnt. Ob man deshalb das liebliche zweite Thema des ersten Satzes, das in seiner Harmlosigkeit durchaus gewollt ist und später durch eine Zäsur zerrissen wird, so harmlos spielen muss wie die tiefen Streicher an diesem Abend? Allerdings ist die Gesamtstimmung gedämpft: Donald Runnicles am Pult gestaltet auch den infernalischen Akkord nach dem Abbruch des Themas sanft, wie ein Hineingleiten in eine tödliche Gegenwelt. Es wird keine schroffe, sondern eine leise, aber trotzdem kontrastreiche und von innen her leuchtende „Unvollendete“.

In Mahlers „Lied von der Erde“ ist der letzte Schritt schon getan. Das Werk sei wie das Vorbeiziehen des gelebten Lebens in der Seele des Sterbenden, schrieb Anton Webern. Wer bruchlose Tenortöne liebt, ist bei Simon O’Neill richtig, allerdings ist seine Stimme in der Mittellage weniger glanzvoll und von charakterlicher Gestaltung kann keine Rede sein. Anders bei Petra Lang, die ihren Mezzo schärft und dank kluger Dosierung eindrücklich entfaltet. Donald Runnicles drängt sein Orchester nicht in den Vordergrund, entlockt ihm aber differenzierte Klangfarben – ein solider Arbeiter an der Musik. Udo Badelt

JAZZ

Irre: Vladislav Delay Quartett und Jason Forrest im Festsaal Kreuzberg

Im Trubel der Berlin Music Week hat man gar nicht gemerkt, dass das Festival „Echtzeitmusiktage“ begonnen hat. Bis Ende September präsentiert sich dabei in über 60 Konzerten die Berliner Jazz-, Improvisations- und Freistil-Elektronik-Szene (www.echtzeitmusiktage.de). Eine Brücke zur Clubkultur schlägt der Konzertabend „Against the Grain“ im Festsaal Kreuzberg, bei dem das Quartett des finnischen Schlagzeugers und Elektrotüftlers Vladislav Delay alias Sasu Ripatti demonstriert, dass Ziseliertes und Dubstep-Technik eine ebenso fruchtbare Partnerschaft eingehen können, wie geräuschhafte Dissonanz mit melodischer Eleganz, die hier ihren zartesten Ausdruck im Saxofonspiel von Lucio Capece findet. In Verbindung mit Ripattis verhalltem Schlagwerk, dem Kontrabass von Derek Shirley und Mika Vainios dunkel flirrender Geräuschelektronik entsteht eine fast mystische Ritualmusik. Um Mitternacht füllt der Breakcore-Spezialist Jason Forrest den Saal mit einer Cut-Up-Musik, bei der das körperliche zum intellektuellen Vergnügen wird, wenn man in den nervösen Rhythmen und Funk-Strukturen noch Songeinheiten erkennt. Dazu zappelt Forrest wie eine Springmaus und reicht Wodka: „Come on you motherfuckers! It’s Thursday night!“ Ein Irrer. Aber sein Laptop rumpelt wie ein Erdbeben Volker Lüke

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