KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

LITERATURFESTIVAL

Mitte Osteuropa: Podiumsdiskussion im Haus der Kulturen der Welt

Osteuropa sei keine spezielle Kategorie, dekretierte der tschechische EU-Ratsvorsitzende Mirek Topolanek beim Krisensondergipfel 2009. Zumindest als Projektionsfeld für den Westen bleibt Osteuropa virulent, wie die Debatte um die Abschiebung der Roma aus Frankreich zeigt, die nun auch das Berliner Literaturfestival erreicht hat. Eigentlich sollte das Podium den klischierten „westlichen Blick auf Osteuropa“ mit der Vielfalt osteuropäischer Lebenswirklichkeit konfrontieren. Doch das von Moderator Florian Höllerer aufgegriffene Politdrama forderte so grundsätzliche Betrachtungen, dass für Konkretes wenig Raum blieb. Ob russischer Imperialismus und Bolschewismus, ob Bürgerkrieg und rote Mafia: Seit der Aufklärung, so „Osteuropa“-Chefredakteur Manfred Sapper in bestem Vorlesunggestus, benötigt der Westen Osteuropa für seine fortschrittsorientierte Identitätsbildung. Dabei wandern die Grenzen in dem Maße, wie politische Konstellationen den Blick dirigieren. Wurde die Ukraine vor 20 Jahren noch westlicher wahrgenommen als heute, scheint Polen heute endgültig in die Mitte Europas gerückt zu sein. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Osterweiterung holen den Westen nun aber die eigenen verdrängten Probleme ein. Wie reagiert er auf emanzipatorische Nationalbewegungen? Was hat ein ökonomisch fundierter, transnationaler Raum an Identität anzubieten? Welche Rolle spielen multinationale Minderheiten?

Während die italienische Osteuropa-Korrespondentin Francesca Sforza in der EU nur eine Zähmungsinstanz für rechtsnationalistische Bewegungen sah, skizzierte Michael Kimmelman die pragmatische Haltung der USA. Anders als in Europa, so der „Times“-Korrespondent, sei die osteuropäische Kultur dort von Einwanderern weitergereicht worden, die gezwungen waren, sich anzupassen.Bei diesen Wanderungsbewegungen sind gegenläufige Austauschverhältnisse entstanden. Die englischsprachige Literatur osteuropäischer Immigranten gelangt über den Atlantik nach Europa, die Drehscheibe Deutschland sorgt umgekehrt für den Transfer zwischen Ostmitteleuropa und den USA. Welche literarischen Mischungsverhältnisse dabei entstehen und welche Wirklichkeiten sich niederschlagen, darüber war wenig zu erfahren. Dem bisher mäßig besuchten Festival bleibt noch eine Woche, darauf Antworten zu finden. Ulrike Baureithel

KUNST

Brückenbau zwischen Kontinenten im Nest und im Felleshus

Wie kann sich Kritik in künstlerische Praxis verwandeln? Antworten sucht die Ausstellung „correct me if I’m critical“ im Felleshus der Nordischen Botschaften (Rauchstr. 1, Tiergarten; bis 2. 11.; Mo – Fr 10 - 19, Sa/So 11 - 16 Uhr) sowie im Nest (Görlitzer Str. 52, Kreuzberg; Mo – So ab 10 Uhr). Kurator Adnan Yildiz möchte den Titel der Ausstellung als Aufforderung an die Besucher verstanden wissen. Sie sollen in Dialog treten mit den Werken, die neben Installationen und Filmen auch Grafiken und Soundinstallationen umfassen.

Die Arbeiten der mehr als 30 Künstler kreisen vor allem um die Frage, wie sich durch Kunst Brücken zwischen Institutionen, Städten und Ländern schlagen lassen. Åsa Norberg und Jennie Sundén etwa haben einen Torbogen entworfen, der mit seinen Farben an einen Regenbogen erinnert. Als Material verwendeten sie vergrößerte Ausschnitte aus Pässen, Banknoten, Sparbüchern und Führerscheinen. Durch die Vergrößerung treten deren charakteristische Guillochemuster als Ornament hervor. Die Botschaft: Das Tor zur Welt steht nur Menschen mit den richtigen Papieren offen. Für andere bleibt es eine Illusion – eben nur ein Regenbogen. Eine der wenigen Ausnahmen im Kreis skandinavischer Künstler bildet die aus Ankara stammende Gülsün Karamustafa. In ihrer Videoarbeit „Bosphorus 1954“ ruft sie den extrem kalten Winter jenes Jahres in Erinnerung, als die Meerenge zwischen Europa und Asien zufror. Viele Menschen nutzten damals die seltene Gelegenheit, den Bosporus zu Fuß zu überqueren. Brücken zwischen Kontinenten entstehen manchmal eben auch aus heiterem Himmel. Daniel Grinsted

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben