KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Lyrisch leuchten: Leif Ove Andsnes bei den Philharmonikern

Besser hätte Leif Ove Andsnes seine Berliner Saison kaum beginnen können: Mit einer Handvoll Miniaturen aus György Kurtágs „Játékok“ (Spiele) führt sich der Norweger als Pianist-in-residence bei den Philharmonikern ein. Ein Kaleidoskop aus musikalischen Gedankensplittern ist diese Sammlung, die bei jeder Drehung ein neues Bild zeigt: Trauer, Träumerei und skurrile Fantasie – jede Stimmung muss hier schon mit dem ersten Ton ganz da sein. Das kann Andsnes: Mit inwendig leuchtendem Anschlag gibt er jedem Stück eine eigene Farbe und zugleich eine spontane Beredtheit, als hätte er sich diese Musik gerade selbst ausgedacht. Ganz selbstverständlich schlägt sich im Kammermusiksaal so der Bogen hin zu Schumanns „Fünf Stücken im Volkston“, die Philharmoniker-Solocellist Martin Löhr recht beherzt angeht, und zurück zu Kurtágs „Hommage á R. Sch.“, bei der Wenzel Fuchs (Klarinette) und Naoko Shimizu (Viola) dazukommen. Große Gelegenheit zu glänzen hat Andsnes hier nicht, dafür kann er seine Partnerqualitäten zeigen, dem Schumann’schen Überschwang und Kurtágs Nachtgedanken einen klaren Rahmen geben. Andsnes’ lyrisch-temperierterAnsatz überzeugt gerade, weil er nicht mit großen Gefühlen zu überwältigen sucht. Für die gibt es ja noch Brahms, in dessen erstem Klavierquartett sich Pianist und Philharmoniker austoben können: Vollmundig, diesseitig und vital ist dieser Brahms, der am Ende das Publikum von den Sitzen reißt. Musik, in die man sich einfach mal hineinwerfen kann, ohne hinter jeder Note ein verstecktes Fragezeichen zu befürchten. Muss ja auch mal sein. Jörg Königsdorf

KUNST

Herzen heilen: Objekte von

Johannes Albers im Schinkelpavillon

Die Schneekugel, die dem sterbenden Medienmogul in der berühmten Schlussszene von „Citizen Kane“ aus der Hand gleitet, symbolisiert dessen unbeschwerte Kindheit. Auch in der Ausstellung „Heilung“ des Berliner Künstlers Johannes Albers nimmt das Motiv der Schneekugel einen zentralen Platz ein. Im Vorraum des Schinkelpavillons wollen 100 Glaswürfel, in denen einsame Straßenlaternen leuchten, geschüttelt werden (Oberwallstr. 1, Mitte; bis 3. 10.; Do-So 12-18 Uhr). Das Schneegestöber im Würfel steht für die Unruhe, der wir im Alltag ausgesetzt sind. In einer Kultur, in der – so der Künstler – „jeder Held seines Lebens“ ist, hat der Einzelne eine erdrückende Last zu schultern. Albers’ Vorschlag lautet, sich schwere Dinge zu erleichtern. Bei „Jungbrunnen“, einem von acht Objekten, die hinter dem Kronprinzenpalais zu sehen sind, scheint ein Felsbrocken auf der milchigen Wasseroberfläche eines Planschbeckens zu schweben. Und als Gegenentwurf zu Jeff Koons’ „Rabbit“ – einem Ballontier aus Stahl, das viel leichter wirkt, als es tatsächlich ist – legt Albers einen Stein auf einen Pappkarton, der dessen Gewicht überraschenderweise zu tragen vermag. Wer beim Anblick des frischen Brötchens auf der grünen Picknickdecke an Édouard Manets „Frühstück im Grünen“ denkt, liegt nicht verkehrt. Doch weshalb befindet sich bei Albers auch ein künstliches Herz auf der Decke? Citizen Kanes gebrochenes Herz hätte es nicht ersetzen können. Für andere ist es ein erster Schritt auf dem Weg zur Heilung. Daniel Grinsted

CHOROPER

Abschied von der Arbeit:

„La fabbrica“ im Hebbel am Ufer

Als revolutionäres Subjekt war die Figur des Arbeiters für Künstler rund hundert Jahre lang ein Faszinosum. Noch 1964 wollte Luigi Nono mit „La fabbrica illuminata“ nicht nur die Klänge italienischer Fabriken verarbeiten, sondern den Arbeitern auch direkt die Bedingungen ihrer Situation bewusst machen. Regisseur Sebastian Baumgarten und Videokünstler Chris Kondek haben für „La Fabbrica“ im HAU 2 (tgl. bis 26.9., 20 Uhr) Arbeiter von VW interviewt, um herauszufinden, was aus dieser legendären Figur geworden ist. Gefunden haben sie scheinbar glückliche Menschen, die Begriffe wie „Revolution“ oder „Kollektiv“ nicht mehr kennen. Soziologe Dirk Baecker liefert auf der Leinwand die Erklärung: „Das Kapital hat sich heute mit denen, die Arbeit haben, verbündet gegen die, die keine Arbeit haben. Diese sind die wahren Opfer.“ Die Sänger des Balthasar- Neumann-Chors schlüpfen in die Rolle von Interviewern, glänzen aber vor allem bei Ligetis „Lux Aeterna“, einer die Harmonien, nicht die Melodien betonenden Komposition. Sie hat mit dem Thema Arbeit nichts zu tun, erweist sich aber schnell als Requiem auf die Arbeiterklasse. Ob bei all dem Musik und Kunst noch eine Rolle spielen, diese Frage steht allerdings so unbeantwortet im Raum wie Ligetis Abschiedsklang. Udo Badelt

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