KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Diese Munterkeit: Philharmoniker mit Giovanni Antonini

Wenn der Name Bach fiel, war mit der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht Johann Sebastian, sondern Carl Philipp Emanuel gemeint. Erst „Berliner“, dann „Hamburger Bach“, gab er öffentliche Konzerte im Sinn eines neuen unabhängigen Künstlertums. Nun steht eine Orchestersinfonie von ihm auf den Pulten der Berliner Philharmoniker, und im Programm wird mitgeteilt, dass bislang keine Aufführungen des Werkes in Konzerten des Orchesters nachgewiesen seien. Holprige Wege ist die Rezeptionsgeschichte nicht nur mit Vater Bach, sondern auch mit dem einst so populären zweiten Sohn gegangen.

Das F-Dur-Stück aus der Werkgruppe 183, entstanden um 1775, eröffnet mit grandiosem Allegro di molto, sprüht Leidenschaft, Sturm und Drang. Und das „hurtig Überraschende“ fällt besonders im Abstand zu der vorangestellten Orchestersuite C-Dur BWV 1066 von Johann Sebastian auf. Hier stehen zumal die philharmonischen Holzbläser, Oboen und Fagott, für ihren Rang ein, während die gediegene Munterkeit des Ganzen von Giovanni Antonini wenig differenziert wird. Der Dirigent hat sich als Sachwalter barocker und frühklassischer Musik auch auf der Block- und Traversflöte hervorgetan. Hier in der Philharmonie führt seine Gestik, die inbrünstig bemüht scheint, mit synchron agierenden Schlangenarmen alles zu umfassen, eher zu Gleichförmigkeit. Bravos empfängt er für den Schwung seiner Interpretation der Zweiten Beethovens. Im Vergleich zeigt sich als wichtige Information die Nähe dieser Sinfonie zu der von Carl Philipp Emanuel. Sybill Mahlke

KUNST

Dieses komische Gefühl:

Das Projekt „Homebase“ in Pankow

Seit einigen Wochen hallen wieder Schritte durch den langen Flur des ehemaligen FDJ-Ferienheims in Pankow, das während der letzten zwanzig Jahren leer stand. Ein Dutzend internationaler Künstler hat die Schlafräume erobert – um darin Kunstwerke zu schaffen, die sich mit dem Begriff „Heimat“ beschäftigen. Ein weites Feld. Das „Homebase“-Projekt (bis 12. 10., Thulestraße 54. Di-So, 12-20 Uhr) begreift sich als nomadisches und temporäres Gesamtkunstwerk. Ins Leben gerufen hat es 2006 die New Yorker Künstlerin Anat Litwin. Sie versammelt jedes Jahr Künstler an einem verlassenen Ort (eine ehemalige Bank in Brooklyn, ein Lager in Soho), nur die Thematik ist immer die gleiche: „Heimat ist etwas sehr Persönliches, aber man kann alle Leute durch dieses Thema zusammenbringen“, sagt Litwin.

Jeder Künstler hat sein eigenes Zimmer, in dem er seinen Erzählstoff webt, der mit seiner Biografie oder der Geschichte des Ortes spielt. Der Amerikaner Edouard Steinhauer hat ein Holzraumschiff gebaut, um zu seiner haitianischen Kindheit zurückzukehren. Der in Berlin lebende Frankotunesier Sami Ben Larbi baut ein Pionierzimmer aus Kartons originalgetreu wieder auf. Auch die Einwohner aus Pankow, die von den Grafikern der Edition Taube zur Teilnahme eingeladen wurden, zeigen Fotos ihres Viertels. In dem Band „Topografisches Bildarchiv Pankow“ sind die Aufnahmen versammelt. Dieses frische und lustvolle Kunstlabor erkundet die Gemütlichkeit und zugleich den Schmerz des Exils und erfindet das komische Gefühl, zu Hause zu sein. Annabelle Georgen

THEATER

Dieses Ziepen und Bimsen:

„Gang zum Patentamt“ im HAU 1

Das Hebbel-Theater verlässt man beduselt und etwas plemplem. Ruedi Häusermanns „Gang zum Patentamt“, eine „Komposition für vier wohlpräparierte Einhandklaviere und Perpetuum mobile mit Texten von Paul Scheerbart“ (HAU 1, vom 24. - 26.9., 19.30 Uhr) ist nichts für Leute, die an der Nadel narrativer Strukturen hängen oder nach der Vorstellung genau wissen wollen, wie viel Uhr es ist und wo die nächste S-Bahn abfährt. Die Musik-Geräusch-Installationen, die Häusermann ersonnen hat, um die irrsinnige, gleichwohl ins Leere laufende Kreativität Paul Scheerbarts darzustellen, eines Mannes, der mit der Erfindung eines Perpetuum mobile – „Das Ganze funktioniert nur durch Gewichtsauflagen!“ – an der Lösung aller irdischer Probleme arbeitete, kennen selbst kaum Anfang und Ende.

Sie heben an, ein Flüstern und Brodeln beginnt, ein Plärren und Ziepen und Bimsen auf vier Klavieren und anderem Gedöns (Kaffeemaschinen, singende Sägen, zarte Gesänge), dann senkt sich der Geräuschpegel wieder, vielleicht wird etwas Scheerbart rezitiert, und alles zerstreut sich von neuem. Barbara Ehnes’ Bühne sieht aus wie die Kammer hinterm Physikunterrichtsraum, die zum Schulfest endlich geöffnet werden darf: Tafeln, Schränke, Experimentieraufbauten, drehende Räder, laufende Bänder, sinkende Eimer. Einladend ist eine solche Bühne gewiss, vor allem für die zehn Frauen und Männer, die darauf basteln und sprechen, spielen und bauen. Annabelle Witt hat sie in Tweed und Spitze gekleidet, freundliche Reminiszenz an die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts, in denen Scheerbart an seiner Erfindung tüftelte und bessere Zeiten für alle kommen sah. So geht es weiter, fort und fort, ein leichtes Spiel, manchmal federleicht, sogar ziemlich unerheblich, ein Abend andererseits, dem in einigen Sternsekunden tatsächlich ein feines Zugleich von Puls und Bewegung, Physik und Musik gelingt. Christiane Tewinkel

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