KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Elke Linda Buchholz

KUNST

Durchsichtig: „Vorsicht Glas“

im Museum für islamische Kunst

Wie auf einem Lichtteppich schweben die fragilen Objekte im Ausstellungsraum des Museums für Islamische Kunst. Die winzigen Glasfläschchen, Flakons und Bechergläser aus Ägypten, Syrien und Iran leuchten in Honiggelb, Manganrot und Tiefblau. Manche schimmern irisierend, andere brillieren mit kostbarer Durchsichtigkeit. Die ältesten sind weit über tausend Jahre alt. Nur noch ein zartblauer Scherbenhaufen zeugt von einer bauchigen Flasche aus dem Vorderen Orient: Ihre Wandung war weniger als einen Millimeter stark. Glas ist eben zerbrechlich. Rund 50 Stücke hat die Kuratorin Miriam Kühn aus dem Depot geholt und in fünf Vitrinen zu Themen wie Glanz, Transparenz und Farbe gruppiert. Kein kunsthistorisch strenges Ordnungsraster, sondern der pure Reiz des Materials bestimmt das Arrangement unter dem Titel „Vorsicht Glas“ (bis 9. Januar; Katalog 14,80 €).

Rundum versammeln sich wie Satelliten zehn Glasobjekte junger, internationaler Künstler und bringen mit ihren poppigen Farben, ihren kunstreich geformten Noppen, Streifen und Tupfen Witz und Frische in den hauseigenen Sammlungsexkurs. Die Berliner Galeristin Nadania Idriss steuerte sie bei. Manche Objekte, wie das düster-abstrakte „Selbstporträt“ der Biennale-erprobten Libanesin Marya Kazoun, fremdeln noch in der ungewohnten Umgebung des historischen Museums. Dabei war es längst an der Zeit, dass die Gegenwart ins Museum für Islamische Kunst einzieht. Der seit 2009 amtierende Museumsdirektor Stefan Weber wagt den Schritt auf bedachte Weise. Nicht nur beim Umgang mit Glas kann eine unachtsame Bewegung auch Unheil anrichten. Elke Linda Buchholz

TANZ

Durchgedreht: „Half“

in den Weddinger Uferstudios

Mit dem Festival „Perfect Wedding“ weiht die Tanzfabrik die neuen Räume in den Uferstudios im Wedding ein. Noch bis zum 3. Oktober findet hier ein Programm aus Performances, Film, Lesungen, Workshops statt, das einen guten Einblick in die Berliner Tanzszene bietet. Bei „Half“ handelt es sich um ein gemeinsames Rechercheprojekt des argentinischen Choreografen Diego Gil und des serbischen Dramaturgen Igor Dobricic. (erneut am heutigen Samstag, 20 Uhr; Eröffnungsparty ab 21.30 Uhr). Die beiden untersuchen Begriffe wie Unvollständigkeit, Unvollkommenheit, Unbestimmtheit. Alles ist hier ins Unreine getanzt, entzieht sich jeder Festlegung, doch dank der ausgezeichneten Tänzer wird daraus eine aufregende Performance.

Jeder bringt seine Eigenart ein, gibt sich einsamen Ekstasen hin – dieses Für-Sich-Tanzen hat aber auch etwas Verlorenes. Den Anfang macht Paz Rojo. Ein angewinkeltes Knie bohrt sich in die Luft. Spitz wirken die Bewegungen. Trotzig hingeschludert, und doch wieder fragil. Der DJ Tian Rotteveel mixt unerschrocken die Sounds und erzeugt unterschiedliche Stimmungen. Die Rollen sind hier nicht festgelegt. Nach der eigenwilligen Rojo tritt der Lichtdesigner Pablo Fontdevila auf die Bühne. Seine Bewegungen sind gespannter und entschlossener, doch er hält sich immer alle Optionen offen. Der Berliner Tänzer Felix Marchand dreht dann richtig auf, wirft sich in wilde Ausbrüche und zitiert schon mal Rockstar-Exaltationen. Am Ende jedes Solos ebben die Bewegungen ab, ziehen sich in Innere zurück. In „Half“ schwingt immer etwas Unerfülltes mit – das macht es zum spannenden Generationsportrait. Sandra Luzina

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