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KLASSIK

Lässig: Fazil Say

im Konzerthaus

Fazil Say ist ein cooler Hund, so souverän am Klavier, dass selbst Gershwins Maximallässigkeitsklavierkonzert „Rhapsody in Blue“ nicht ausreicht, ihn ganz zu fordern. Er schlampt, spielt stark auf Risiko, fängt dann mit leisen Tönen an zu zaubern, hat das Publikum völlig im Griff – und scheint doch erst mit der Zugabe seiner eigenen „Summertime Variations“ zu sich zu kommen, die die Vorlage aus „Porgy und Bess“ in ein Gewand aus Jazz, Gewitztheit und Klaviervirtuosität kleiden. Spät ist es, das Publikum gleichwohl aus dem Häuschen. Das hätten die Stücke davor auch erledigen können. Eigentlich.

Denn irgendwie klemmt der Abend mit dem Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek, trotz des süffigen Programms, das in der Konzentration auf die wilden Jahre um 1920 sogar mit Honeggers „Pacific 231“ aufwartet, dem berühmten Dampflokomotiven-Stück in der Art eines pervertierten „Bolero“. Es führt die Mittel in einer Weise zusammen, dass am Ende nicht alles tanzt, sondern mit maschinistischer Großmacht überfahren wird. Starke Musik, ein Spielball, den Honegger der Erhabenheit der Technik zutreibt. Lothar Zagrosek kontrolliert und lässt es trotzdem hübsch laut werden im Haus.

Weniger in Bewegung, stattdessen eher zerfuchtelt, gar zu transparent geraten Schulhoffs „Suite für Kammerorchester“ und Debussys „Jeux“. Ob das Orchester einfach zu gut ist, zu fein timbriert? Womöglich bleibt es leichter, die experimentelle Harmonik und die komplexen Rhythmen dieser Stücke sauber herauszuarbeiten, als ein so großes Ensemble tatsächlich in elegant angeschrägte Sinnlichkeit zu geleiten. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Hektisch: Die Philharmonische Nacht im Radialsystem

An Anfang war die Idee mit der „Langen Nacht der Museen“ genial, doch irgendwann begann jeder, sich diesen Namen zu geben, bis hin zur „Langen Nacht der Stadtwerke“ (in Wien). Folkert Uhdes erste große Kooperation mit den Berliner Philharmonikern im Radialsystem heißt hingegen schlicht „Philharmonische Nacht“. Die Musiker bespielen alle Räume bis unters Dach, solistisch oder in Kammermusikformation, mit Stücken von Bach bis Berio. Ein bisschen wie bei der langen Museumsnacht ist es dann aber doch. Ständig ist man am Blättern, um herauszufinden, wann der nächste Auftritt stattfindet, wie man am besten hin- und wieder wegkommt.

Wer es schafft, sich trotzdem auf die Musik einzulassen, kann das Philharmonia Quartett hören, wie es die Stimmungswechsel von Janaceks zweitem Streichquartett kontrastreich inszeniert. Oder Edicson Ruiz, wie er – während die Besucher auf Matten liegen – seinem Kontrabass satte Barockklänge entlockt und bei „Unbelaubte Gedanken zu Hölderlins Tinian“ von Heinz Holliger die Saite so weit runterschraubt, dass man nur noch einen stotternden Motor hört. An der Organisation allerdings sollte man noch feilen. Wer so viele Konzerte zeitlich überlappend anbietet, lässt den Besuchern nur die Alternative, zu spät zu kommen oder einen Auftritt zu verpassen. Udo Badelt

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