KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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Dehnbarer Kunstbegriff. Eine Tiger-Lilie im Wintergarten. Foto: DAVIDS / Mueller
Dehnbarer Kunstbegriff. Eine Tiger-Lilie im Wintergarten. Foto: DAVIDS / MuellerFoto: DAVIDS/ Mueller

KLASSIK

Animalisch: Gala des Staatsballets in der Deutschen Oper

Als die Gala zur Spielzeiteröffnung des Staatsballetts beginnen soll, ist der Graben in der Deutschen Oper leer. Stattdessen gibt es Informationen über fehlende Flächentarifverträge, mangelnde Vergütungsanpassungen und Streiks der Berliner Orchester. Alles wichtig, aber die Stimmung ist erstmal dahin. Sie kehrt, als es eine halbe Stunde später endlich losgeht, schnell mit den Musikern zurück (am Pult: Paul Connelly). Erfrischend, dass das Programm – auf dem viele Berliner Erstaufführungen stehen – nicht nur von Stücken mit klassischer Ästhetik geprägt ist, wie dem Walzer aus Prokofieffs „Cinderella“, sondern auch von experimentellen Zwischenspielen. „Showtime“ etwa gestaltet eindrücklich die Aufregung zweier Tänzer vor dem Auftritt, die Bühne ist schwarz, der Herzschlag zu hören, Mikhail Kaniskin trägt ein „Berlin“-Sweatshirt und spreizt die Beine ab, als würden sie nicht zu ihm gehören – und dann tanzt er mit seiner Partnerin „Carmen“.

Bewegend ist die Choreografie von Renato Zanella zum Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie, und geradezu animalisch vereinigen sich Michael Banzhaf und Nadja Saidakova im Duett Siegfried-Brünnhilde aus Béjarts legendärem „Ring um den Ring“. Leidenschaftlich, wenn auch leiser und intimer, der Kurzauftritt von Vladimir Malakhov als sterbender Schwan. Nach der Pause wird es allerdings konventionell, vergeblich sucht man die im Programmheft angekündigten „neuen Bewegungsideen“ von Clark Tippet in seiner Choreografie zu Max Bruchs erstem Violinkonzert. Der Applaus am Ende ist frenetisch. Udo Badelt

KLASSIK

Human: Das DSO mit James Conlon in der Philharmonie

Nachtgestalten also. Eine düster thematisierte Schwerpunktreihe, die sich das Deutsche Symphonie Orchester da für seine erste Saison ohne Chefdirigent ausgedacht hat. Zwar ist Tugan Sokhiev als neuer Maestro in Sichtweite, seine künstlerischen Konturen aber bleiben – trotz aller Vorschusslorbeeren – nachtgestaltenartig, sein Vertrag beginnt erst 2012. Und als sei das alles nicht Unsicherheit genug, beginnt die Reihe in der Philharmonie auch noch mit Guiseppe Verdis Requiem, dieser 90 minütigen Hin-und- Her-Gerissenheit zwischen Nacht und Licht.

Wie unendlich zart, beinahe halluzinogen, klingt da der Rundfunkchor (Einstudierung: Simon Halsey) zu Beginn des Werkes und wie nuanciert entlockt James Conlon, der sich den gesamten Abend über als Meister des Subtilen entpuppen wird, den Streichern Phrasen von geradezu transzendenter Ursprünglichkeit. Eine sich langsam einschwingende Ruhe, die erst im Dies Irae dramaturgischen Kontroversen ausgesetzt wird. Und Conlon versteht Verdi hier im besten romantischen Sinne: die Leiden in der Szenerie des jüngsten Gerichts entspringen keinesfalls religiöser Dogmatik oder kirchlicher Institutionalisierung, sondern einer zutiefst humanen Kunstreligion.

Verdi schrieb sein Requiem für den 1873 verstorbenen Dichter Allesandro Manzoni und Conlon hält orchestrale Dogmen dementsprechend zurück. Er lässt den Solisten Raum, um die menschliche Tragik gesanglich ausgestalten zu lassen. Das gelingt fast durchweg. Etwa wenn Vitalij Kowaljow am Ende der Sequenz einen fabelhaft lyrischen Bass singt oder wenn Julianna di Giacomo und Marina Prudenskaja sich im Agnus Die klangfarblich so verschlingen, dass Sopran und Alt eins werden. Hier entstehen, von Orchester und Chor feinsinnig kommentierte, irdische Dramaturgien, deren erzählerische Qualität lediglich der kurzfristig eingesprungene Tenor Franco Farina nicht immer aufrecht erhalten kann. Daniel Wixforth

VARIETÉ

Blumig: „The Tiger Lillies Freakshow“ im Wintergarten

Um das Casting für diese Show zu bestehen, braucht man drei Herzen. Kurze Beine sind auch nicht schlecht oder eine Stimme, die Gänsehaut macht. Was immer den gängigen Konzepten von Schönheit zuwiderläuft, hier ist es willkommen: im Varieté von „The Tiger Lillies Freakshow“, das auf seiner Europatournee im Wintergarten gastiert.

Wie eine kleine Schatztruhe bewahrt diese Schau, was vor dem feixenden Publikum geschützt werden muss: die dicke Dame, den Kleinwüchsigen, die siamesischen Zwillinge – auch wenn Ele und Julia Janke eher symbolisch am Kleid zusammengenäht sind. Auf der liebevoll ausstaffierten Bühne präsentieren sich die Freaks wie Edelsteine: funkelnde Kostbarkeiten, die nicht seltsam, sondern selten sind. Jeder mit besonderem Talent: Martyn Jacques singt wie ein Berserker von den Abgründen des Lebens und spielt Akkordeon. Lorenzo Mastropietro lässt Hüte tanzen, während die Janke- Zwillinge am Trapez hantieren. Eine irritierende Luftnummer, weil beide Artistinnen identische Gesichter haben. Perfekt abgestimmt ist auch das musikalische Trio. Seit fast 20 Jahren spielt Adrian Stout für die britischen Tiger Lillies den Bass, bearbeitet Adrian Huge sein Schlagzeug; dass Sänger Martyn Jacques vielleicht ein bisschen zu oft das Wort „Freaks“ in seinen Texten unterbringt, sei der jüngsten Show ebenso verziehen wie der missglückte Versuch, den Budenzauber der historischen Freak-Shows auf die Bühne zu retten. Die verkleidete Behaarte im Zirkuswagen ist purer Kitsch, die drei Papierherzen über der dicken Rosa sind es nicht – so fein ist die Trennlinie. Christiane Meixner

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