KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

PUNK

Blitzende Maschinengewehre:

Melt Banana im Festsaal Kreuzberg

Seit 17 Jahren produzieren Melt Banana aus Tokio eine extrem lustige und wilde Musik. Ihre Spezialität sind kurz abgefackelte Blitzlicht-Haikus, die förmlich explodieren und den Zuhörer in eine Welt katapultieren, die vorgestern noch Science- Fiction war. Auch im Festsaal Kreuzberg bündelt das Quartett seine Qualitäten zu einem waghalsigen High- Energy-Mix aus Bad-Brains-geschultem Highspeed-Punkrock und experimentellem Japan-Noise im Stil von Merzbow. Im Mittelpunkt steht dabei die bezaubernde Yako, deren stakkatohafter Gesang sich mal anhört wie katzenhaftes Todesfauchen und mal wie Micky Maus auf schlechtem Acid. Dazu bratzt und rückkoppelt der Mundschutz tragende Gitarrist Agata mit allerlei Effektgeräten, als müsse er einen Haufen Monsterpuppen abwehren, die aus den atomverseuchten Filmstudios Tokios auf ihn zustolpern. Der Schlagzeuger haut mit der Wucht eines Maschinengewehrs auf seine Kiste, und die Bassistin hält mit massiven Riffs die Stellung. Hier sind astreine Dekonstruktivisten am Werk, die den Zustand einer aus den Fugen geratenen Welt in die surrealen Ebenen eines durchgeknallten Cyberpunk-Humors übersetzen. Nach einer knappen Stunde und gefühlten sechzig Songs fordert das Publikum begeistert Zugabe. Melt Banana legen nochmal los: „Kikikikiiiii!“ – Krch- Iiii-Zsch! – „Tank Yu“. Volker Lüke

NEUE MUSIK

Feine Säbelstriche: Arditti-Quartett im Kammermusiksaal

Natürlich, Schaben und Kratzen. Bartók’sche Pizzikati, dass es nur so kracht. Verstreute Töne, oft kaum hörbare Passagen. Der Abend mit dem Arditti-Quartett sieht von außen aus wie härteste Kulturkost. Innen aber schlägt die Gattung „Streichquartett“ alle in ihren Bann. Was Luciano Berio und Pascal Dusapin für diese Vierheit ersonnen haben, nimmt die kleine Zuhörerschaft im philharmonischen Kammermusiksaal gefangen, zumal das Arditti-Quartett, das sich der Neuen Musik bald ein Streichquartettleben lang verschrieben hat, so exquisit interpretiert. Mit Berios „Sincronie“ – vom Ensemble 1974 bei seinem überhaupt ersten Konzert ebenfalls gespielt – beginnt der Abend, feine, feinste Musik, die sofort in eine andere Dimension beamt. Rechtzeitig hören lässt sich nicht, wie das Stück formal angelegt ist, höchstens berichten davon, dass die Wirkung dieser Musik für ein „einziges homophones Instrument“, bei dem alle vier Mitwirkenden „das Gleiche auf verschiedene Arten ‚sagen‘“ (Berio) einzigartig stark ist, geradezu labend. Berios „Notturno“ auf ein Gedicht von Paul Celan ist 1993, fast 30 Jahre später entstanden; wie zuvor hätte man nichts dagegen, wenn es niemals mehr aufhörte. Fehlt nur noch der Schritt ins ganz Neue – Dusapin selbst ist zugegen und lauscht mit geschlossenen Augen, wie lebensvoll man sein 7. Streichquartett „Open Time“ von 2009 interpretiert, das eine barsche Bratschengeste, kaum mehr als zwei wenig wohlklingende Töne, durch 21 Variationen führt, sie in Säbelstrichen oder messerscharfen Flageolettpassagen verschwinden lässt, in Attacken und Arabesken, Passagen der Stille und des ruhigen Ziehens. Christiane Tewinkel

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