KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Musik spricht: Das Teresa-Carreño- Jugendorchester in der Philharmonie

Die Verwandlung beginnt schon beim ersten Ton. Eben noch haben die sich knapp hundertvierzig venezolanischen Teenager unter Leitung des 26-jährigen Christian Vasquez beherzt durch Beethovens Fünfte gefiedelt, doch sobald Simon Rattle nach der Pause ans Pult tritt, wird aus einem Jugendorchester ein echtes Ensemble. Und während es bei Beethoven noch hauptsächlich darum gegangen war, den Gleichgewichtspfad aus Energie und Disziplin unfallfrei zu beschreiten, ist jetzt bei Prokofjews fünfter Sinfonie alles da, was echtes Musizieren ausmacht: Spielwitz und Gefühl, Dialog und Geheimnis.

Es ist eine schöne Geste des Philharmoniker-Chefs, seine in Venezuela begonnene Zusammenarbeit mit dem Teresa- Carreño-Jugendorchester auch in Berlin fortzusetzen. Zugleich ist der Abend aber auch ein Lehrstück darüber, was ein großer Dirigent bewirken kann. Dass es eben doch jemanden braucht, der die Musik zum Sprechen bringt und der mit seiner Übersicht dafür sorgt, dass die großen Spannungsbögen nicht an den leisen Stellen einbrechen. Da macht es dann auch gar nichts mehr aus, dass das Podium der Philharmonie heillos überbesetzt ist, weil die jungen Südamerikaner natürlich alle bei dem Erlebnis Berlin-Gastspiel mit dabei sein wollen. Die Herzen des Publikums sind ihnen ohnehin sicher; ebenso die Bewunderung für „El Sistema“, das inzwischen weltweit nachgeahmte Klassik-Entwicklungsprojekt aus Venezuela, aus dem neben Gustavo Dudamel und seinen Bolivars auch das Carreño-Orchester hervorgegangen ist. Sir Simon Rattle leihen wir ihnen immer gerne wieder aus. Jörg Königsdorf

KABARETT

Österreicher granteln:

Hader spielt Hader im Babylon Mitte

Nun hat er also zurückgefunden in sein angestammtes Metier. Josef Hader: Die einen kennen ihn als abgehalfterten Ermittler Brenner in den Wolf-Haas-Verfilmungen wie zuletzt „Der Knochenmann“, die anderen als Gewinner des Deutschen Fernsehpreises für seine Rolle als Mörder in „Ein halbes Leben“. Und die nächsten haben den Österreicher in seinem virtuosen Theatersolo „Hader muss weg“ genossen. Doch nun ist er wieder angekommen im Kabarett, jenem Metier also, das in Österreich „Cabaret“ ausgesprochen wird und bei dem es in unserem Nachbarland von jeher weniger darum geht, den Politiker aufs Maul zu schauen als dem Volk.

So auch in „Hader spielt Hader“ (wieder am heutigen 6.10. u. 8./9.10., 20 Uhr), einem Potpourri mit Höhepunkten aus fünf Programmen. Wobei Hader die einzelnen Beiträge nicht einfach nur abhakt, sondern gekonnt ineinanderfließen lässt. Mit sonorer Stimme erzählt er von der geschiedenen Frau, von einer Beerdigung auf dem Land und vom Humanismus. Doch Vorsicht: Hat man sich gerade von den pointenreichen Anekdoten ein wenig einlullen lassen, kommt die Cabaret-Spitze von hinten. Grantige Wiener, schlecht gelaunte Franzosen oder böse Kroaten – welches Vorurteil soll es denn bitteschön sein? Dazwischen: eigenwillige, im Laufe der Zeit fast zum Sprechgesang umgedeutete Lieder über Topfpflanzen oder den Franz mit den irrsinnig weichen Fingern. Hier kann Josef Hader seine schauspielerische Brillanz eindrucksvoll ausnutzen. Er greint wie ein kleines Mädchen oder lässt die Stimme zum Donnerhall anschwellen, nur um kurz darauf wieder frech ins Publikum zu grinsen. Aber was nun der wirkliche Hader hinter dem Hader ist, der den Hader spielt, das lässt sich nur erahnen. Martin Schwarz

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