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KLASSIK

Feste feiern: Justus Frantz

und Niu Niu im Konzerthaus

Schon früh ist klar: Dies wird kein der Kunst geweihter Abend. Vor dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt nimmt eine Phalanx von Sponsorenautos aus Wolfsburg das Schiller-Denkmal in die Zange, drinnen drängeln sich hysterisch schreiende Fotografen um B-Promis, Securitymänner verstärken die Einlasserinnen, statt Auftritt spricht man von „Performance“: So sieht es aus, wenn die „Philharmonie der Nationen“ ihr 15-jähriges Bestehen feiert. Ihr Gründer Justus Frantz wird als „Stardirigent“ vorgestellt und per Video in eine Linie mit Leonard Bernstein gestellt.

Damit nicht genug: Der Preisträger des Abends, der 13-jährige chinesische Pianist Niu Niu, muss gleich mehrmals den Mozart-Vergleich aushalten. Dem gerecht zu werden, ist schwer. Sein Spiel ist, rein technisch gesehen, zweifellos beeindruckend, aber ihm fehlt eine übergreifende Idee, seine Phrasierung schwankt eigenwillig. Im zweiten Satz von Beethovens f-Moll-Sonate („Apassionata“) wird er sehr zäh und glanzlos, dafür huscht er im letzten Satz über viele markante Details hinweg. Wesentlich flüssiger gelingt ihm Liszts 1. Mephisto- Walzer. Justus Frantz, der Meister der Kunstmusik-Popularisierung, versteht es dagegen, interpretatorisches Feuer zu entfachen. Unter seinem Dirigat spielt das Orchester Beethovens 7. Symphonie eruptiv, drängend, dynamisch ausgefeilt. Der Name des Hauptsponsors – ein großer Schreibgerätehersteller – prangt dabei nicht weniger als zehn Mal an der Stirnseite des Saals. Was wieder einmal Thomas Bernhards alte Weisheit bestätigt, dass ein Preis vor allem den Preisverleiher feiert. Udo Badelt

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