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KUNST

Multikulti: Erick Meyenberg

im Haus der Kulturen der Welt

Aus den genetischen Unterschieden kann man alles machen – sozialen Sprengstoff oder eine Oper. Der junge mexikanische Künstler Erick Meyenberg hat sich eindeutig für die ironische Variante entschieden. Im Haus der Kulturen der Welt (bis 24. Oktober, Mi–Mo, 11–19 Uhr) lässt er die mexikanische Gesellschaft als bunte Lichtorgel aufglühen. Meyenberg – einst Assistent von Sol Lewitt und Santiago Sierra – hat die Blutwerte von 22 Mexikanern aus dem 19. Jahrhundert durch Lichtringe anschaulich gemacht. Die LED-Farben repräsentieren die verschiedenen Bevölkerungsgruppen: rot die Indios, grün die Schwarzen und blau die Weißen. Zum hämmernden Klang baut sich eine Lichtpyramide auf, alle drei Farben zusammen ergeben weißes Licht. Fremdartig schweben Meyenbergs Leuchtringe im Raum. Sie versinnbildlichen auch, wie ungleich der Wohlstand verteilt ist. Doch wird in dieser kleinen Abbildung einer multikulturellen Gesellschaft eine Farbe erst mithilfe der anderen Farben komplett.

Erick Meyenberg ist 1980 in Mexiko-City geboren und hat an der Berliner Universität der Künste bei Rebecca Horn studiert. Der anthropologische Hintergrund seiner Inszenierung im Rahmen der Reihe Labor Berlin klingt etwas verzwickt. Die Arbeit selbst aber pulst vertraut urban. Seine Kabinettausstellung ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass sich kulturelle Vielfalt auch mit Leichtigkeit und Humor betrachten lässt. Simone Reber

MUSIK

Vielsaitig: Gitarren-Parade

im Musikinstrumentenmuseum

Die Gitarre wird heute fast ausschließlich mit Pop assoziiert. Dass das nicht immer so war – ihre Geschichte beginnt in der Antike –, macht jetzt das Musikinstrumentenmuseum in der Ausstellung „Faszination Gitarre“ (noch bis 30. Januar) deutlich. Gezeigt werden sämtliche 150 Gitarren, die das Haus besitzt, die älteste stammt von 1699. Dass im 19. Jahrhundert neben dem klassischen Gitarrenland Spanien auch andere Regionen dieses Instrument herstellen, zeigen die Beispiele aus Thüringen, Süddeutschland und Österreich – die man aber mit mehr Erläuterungen hätte versehen können. Die These der Ausstellung, die Gitarre würde wie kein anderes Instrument die Gegensätze vereinen, weil sie sowohl fürs Lagerfeuer wie für Kunstmusik entstanden sei, darf man anzweifeln: Wirklich durchsetzen können sich Zupfinstrumente im Orchester nicht, das Repertoire für Konzertgitarre bleibt folglich schmal.

Erst mit der Entwicklung zur E-Gitarre setzt sich das Instrument durch – ja, der Verstärker wird zum eigentlichen Instrument. Wie die Gitarre klingt, ist nicht mehr wirklich wichtig, sie musste vor allem eines: gut, also möglichst poppig aussehen – wie Paul McCartney im letzten Teil der Ausstellung erklärt. Ein Foto zeigt Pete Townshend von The Who, der erstmals während eines Konzerts seine Gitarre zerstört. Der Akt als solcher zählt, der materielle Wert der Gitarre wird wegen ihrer technischen Reproduzierbarkeit bedeutungslos. Udo Badelt

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