KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

POP

Flimmern und Schimmern:

Of Montreal im Admiralspalast

Was macht diese Band falsch, dass sie nicht längst in großen Hallen spielt, sondern sogar in Berlin bei einem etwa 500 Köpfe zählenden Publikum hängen bleibt? Vielleicht ist es die Unfähigkeit, das überbordende Talent in konsumierbaren Häppchen zu servieren, die Of Montreal vom Sprung in die Charts abhält. Eine Eigenschaft, die live besonders zum Tragen kommt. Denn mitnichten ist ihr Auftritt im Studio des Admiralspalasts bloß ein Konzert, sondern eine multimediale Überwältigungsmaschine. Schon die wuselige achtköpfige Band im Auge zu behalten erfordert Konzentration. Dazu flimmern im Hintergrund kaleidoskopische, sekundengenau getimte Videoschnipsel, während zwei verkleidungsfreudige Tänzer auf der Bühne herumspringen. Ihr Kostümrepertoire reicht von Fischdämonen mit Gasmaske über karogemusterte Ganzkörperkondome bis zum Latexengel, der mit einem Schweinekopfwesen ein bizarres Erlösungsritual zelebriert. Das alles illustriert den abgedrehten Pluralismus der zwischen Funk- Minimalismen, Glamrock-Gefrickel und metallisch schimmernden Disco-Ouvertüren oszillierenden Musik zwar vortrefflich. Es lenkt aber davon ab, dass Songs wie „Coquet Coquette“ oder „Gronlandic Edit“ eigentlich Hits mindestens von Scissor-Sisters-Format sein müssten. Und spätestens wenn sich in Kevin Barnes Falsett-Phrasierung ermüdete Nuancen einschleichen, kann man den Eindruck gewinnen, dass der Budenzauber auch dem flamboyanten Sänger ein wenig zu viel wird. Welche Wucht Of Montreal generieren können, demonstrieren sie in der Zugabe „The Past Is A Grotesque Animal“: eine Viertelstunde mörderische Mutantendisco-Abfahrt. Absolut fantastisch – und ganz ohne Kleinkunstbrimborium. Jörg Wunder

KLASSIK

Flirren und Wirren: Yutaka Sado

mit dem DSO

Während China auf der politischen Bühne und auch im europäischen Kunstmusik-Betrieb sehr präsent ist, ist es um Japan erstaunlich still geworden. Umso intensiver hört man die Werke der drei japanischen Komponisten, die Yutaka Sado am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters dirigiert – in einer trotz exotischen Programms gut gefüllten Philharmonie. „Ceremonial“ von Toru Takemitsu ist ein durch lange Notenwerte sehr meditativ wirkendes Stück, das von den hohen und dünnen Tönen der Sho, einer japanischen Mundorgel (gespielt von Mayumi Miyata), eingeleitet und beschlossen wird. Noch viel stärker mit der Stille arbeitet Toshio Hosokawa, dessen „Landscape V“ aus dem Nichts zu erwachsen scheint und erst allmählich dynamische Erregungen zeigt: ein Werk, das sehr aufmerksames Zuhören fordert, vom DSO-Streichquartett in höchster Konzentration interpretiert. Ganz anders Toshiro Mayuzumis „Bacchanale“ von 1953: Melodie und Harmonik werden zugunsten der Erforschung reinen Klangs aufgegeben, Stimmungen wechseln im Sekundentakt, flirrende Streicher, bombastisches Schlagwerk und Big-Band-Blech kämpfen um Vorherrschaft. Unklar ist, warum nach diesem fernöstlichen Reigen als großes Orchesterstück ausgerechnet Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“ ausgewählt wurde. Aber man denkt nicht lange darüber nach. Yutaka Sado zeichnet die Musik körperlich nach und scheint den Klang mit der ausgestreckten Hand modellieren zu wollen, wobei er auch Sprünge nicht scheut. Zum Höhepunkt wird „Tybalts Tod“, wo er die dramatisch verknäulten Orchesterstimmen souverän zusammenhält. Udo Badelt

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