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KLASSIK

Schöne Schatten: „Zweimal Hören“ im Werner-Otto-Saal

Am Schluss des „Dialogue de l’ombre double“ von Pierre Boulez kommt das Live- Spiel des Klarinettisten mit seinem durch sechs Lautsprecher ertönenden „Klangschatten“ endlich zur Deckung – in einem hohen, lang gehaltenen Ton, der vom Bandmaterial jedoch sofort wieder verlassen wird. Jörg Widmann, der charismatische Interpret, dreht dem Publikum im halbdunklen Werner-Otto-Saal den Rücken zu, so dass man nicht weiß, wer gerade spielt: er oder sein „Schatten“.

Intensiver noch ist dieses Detail in der zweiten Aufführung des Werkes erfahrbar. Kein anderes eignete sich besser zur Eröffnung der neuen Konzerthaus-Reihe „Zweimal hören“, denn wo sonst in der Neuen Musik wäre so eindeutig von Doppelungen und Spiegelungen, Identität und Nicht-Identität die Rede! Andererseits macht seine faszinierende Virtuosität den Einstieg leicht. Musikwissenschaftler Markus Fein baut im Gespräch mit Widmann alle Barrieren vor der Neuen Musik ab. Er zeigt, wie sich das „Schattenprinzip“ auch auf die formale Anlage erstreckt, weist auf Ähnlichkeiten des Melodieverlaufs bei Bartók oder Messiaen hin, enthüllt verborgene Zitate des Widmungsträgers Luciano Berio. Anregender noch sind seine Ausflüge in Literatur und Kunst, wenn etwa Paul Klees „Hauptweg und Nebenwege“ die Verfransungen der Komposition ahnen. Bewegend, wenn Fein aus Paul Claudels Theaterstück „Der seidene Schuh“ zitiert – den Moment, in dem die Schatten von Mann und Frau ganz kurz zum „Doppelschatten“ werden – und sich zugleich blitzartig die Seele des Komponisten auftut. Isabel Herzfeld

KUNST

Zarte Zaubernetze: Jenny Michel beim Deutschen Künstlerbund

„Das Paradies ist das beste aller Gefängnisse.“ Dieser Satz von Luis Borges war für Jenny Michel der Ausgangspunkt ihrer Recherche zu den Paradiesvorstellungen der Menschheit: „Sketching Paradise – ein Palimpsest“. Ihre außergewöhnliche Ausstellung im Projektraum des Deutschen Künstlerbundes (bis 22.10., Rosenthaler Str. 11, Di–Fr 14–18 Uhr) präsentiert die Einschließungen aus dem Steinbruch der Kulturgeschichte wie Fossilien einer naturhistorischen Sammlung. Die 1975 geborene Künstlerin hat in diesem Jahr den mit 25 000 Euro dotierten HAP-Grieshaber- Preis erhalten. Hauchdünn, haarfein und durchsichtig weben die Gedankengespinste die Betrachter in ihr Zaubernetz. Wie die Zeichnungen von Wolkenkuckucksheimen wirken die vielschichtigen Ritzungen, die Jenny Michel in Kunstharz gießt. Diesen hochfliegenden Träumen stellt sie Sisyphos gegenüber, der den Gipfel wohl nie erreichen wird. Ihr Alter Ego, meint Jenny Michel ironisch. Doch der Stein des Sisyphos ist bei ihr nur faustgroß. Vielleicht ist das Schicksal des Verdammten nicht schwerer als das des Glückseligen. Auf einer Landkarte sind dicht gedrängt die Orte eingetragen, an denen das Paradies einmal vermutet wurde. Daneben hängt ein weißes Blatt – Platz für eigene Expeditionen in himmlische Gefilde. Denn das Schönste am Paradies ist die Sehnsucht danach. Simone Reber

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