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KUNST

Möglichkeit einer Insel: Jenny Michel beim Deutschen Künstlerbund

„Das Paradies ist das beste aller Gefängnisse.“ Dieser Satz von Luis Borges war für Jenny Michel der Ausgangspunkt ihrer Recherche zu den Paradiesvorstellungen der Menschheit: „Sketching Paradise – ein Palimpsest“. Ihre außergewöhnliche Ausstellung im Projektraum des Deutschen Künstlerbundes (bis 22.10., Rosenthaler Straße 11, Di–Fr 14–18 Uhr) präsentiert die Einschließungen aus dem Steinbruch der Kulturgeschichte wie Fossilien einer naturhistorischen Sammlung. Die 1975 geborene Künstlerin hat in diesem Jahr den mit 25 000 Euro dotierten HAP-Grieshaber-Preis erhalten. Hauchdünn, haarfein und durchsichtig weben die Gedankengespinste die Betrachter in ihr Zaubernetz. Wie die Zeichnungen von Wolkenkuckucksheimen wirken die vielschichtigen Ritzungen, die Jenny Michel in Kunstharz gießt. Diesen hochfliegenden Träumen stellt sie Sisyphos gegenüber, der den Gipfel wohl nie erreichen wird. Ihr Alter Ego, meint Jenny Michel ironisch. Doch der Stein des Sisyphos ist bei ihr nur faustgroß. Vielleicht ist das Schicksal des Verdammten nicht schwerer als das des Glückseligen. Auf einer Landkarte sind dicht gedrängt die Orte eingetragen, an denen das Paradies einmal vermutet wurde. Daneben hängt ein weißes Blatt, Platz für eigene Expeditionen in himmlische Gefilde. Denn das Schönste am Paradies ist die Sehnsucht danach. Simone Reber

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