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Als die Geschichte über sich selbst staunte. Barbara Klemm fotografierte 1989/90 an der Ostseite der Mauer. Foto: Klemm
Als die Geschichte über sich selbst staunte. Barbara Klemm fotografierte 1989/90 an der Ostseite der Mauer. Foto: Klemm

THEATER

Mit Händen und Füßen:

„Krach im Bällebad“ im Grips-Theater
Sie erledigt die Einkäufe. Er will Fußball spielen. Sie tröstet die Puppe. Er ringt die Riesenraupe nieder. Sie baut ihr Traumschloss in der Torwand. Er schießt es kaputt. Klar, Frauen und Männer haben Kommunikationsprobleme. Aber sind die Unterschiede schon in die Wiege gelegt? „Krach im Bällebad“ heißt die jüngste Produktion des Grips-Theaters für Menschen ab fünf (wieder am 21., 22., 24. und 27. Oktober, Grips-Mitte). Sie spürt sehr charmant der Frage nach, ob ein Miteinander von Mädchen und Jungs möglich ist. Das Stück stammt von Ilona Schulz und Boris Pfeiffer, inszeniert hat es Rüdiger Wandel, womit das Erfolgsteam von „Wehr dich, Mathilda“ vereint wäre.

„Krach im Bällebad“ erzählt von Rosa (Nina Reithmeier) und Boris (Jens Mondalski), die im Spieleparadies eines Einkaufszentrums aufeinandertreffen. Sie sprechen nicht dieselbe Sprache – sie italienisch, er russisch – weswegen sie sich mit Händen und Füßen verständigen. Was die Querelen einerseits ins Komisch-Pantomimische überspitzt, und dem Geschlechterzwist der Kinder zugleich einen universellen Kick gibt. Text, Inszenierung und die sehr guten Spieler führen die Rollen-Klischees dabei immer wieder munter ad absurdum: Etwa, wenn Boris sich aufs Vater-Mutter-Kind-Spiel einlässt, und Mama Rosa ihn mit den Kindern sitzen lässt, weil sie als Fotomodell arbeitet. Am Ende aber steht ein Bild des Austauschs. Da schlüpfen die Kinder zwar nicht in die Haut, aber doch in die Kleider des anderen. Patrick Wildermann

KLASSIK

Höflich: Daniel Barenboim und Violeta Urmana im Schillertheater

Die Sopranistin Violeta Urmana: eine Dame. Der Staatsopernchor: ein Ensemble, dessen bühnengeschulte Kraft auf der kargen Bühne des Schillertheaters ohne Gnade ausgestellt wird. Und Daniel Barenboim wirft sich dazu in die Tasten, als müsse er gleich zwei Orchester ersetzen. Dabei ist in „Mirjams Siegesgesang“ von Franz Schubert doch nur von Zimbeln und Saiten die Rede. Während das Meer sich also mit des Herrn Hilfe und zu Schuberts exotischer Harmonik teilt und dann, bei höchster musikalischer Dramatik, Pharao und seinen Tross überflutet, zeigt sich zugleich, dass aus diesem Solo-Chor-Klavier-Stück noch kein Oratorium wird, auch wenn man lautstärkemäßig aufdreht. Und dass die Macht der Ereignisse beim Auszug aus Ägypten jedes biedermeierliche Miteinander in Musik sowieso sprengt.

Ein wienerischer Blick aufs Alte Testament mit kleinem Personalaufgebot, ein musikhistorisches Rätsel gewissermaßen, das heiter in das Folgende entlässt. Barenboim musiziert nun allein mit Violeta Urmana Wagners Wesendonck- und Mahlers Rückert-Lieder. Selbst durch Urmanas höchste Sopranhöhen flimmert noch immer eine Spur kantiger Mezzosopran; Barenboim hingegen nimmt sich ganz zurück. Und zieht zugleich die Strippen, setzt sich sehr höflich über Urmana, die machtvoll in Ton und Erscheinung bleibt, hinweg und beginnt von der Seite aus zu zaubern. Vergegenwärtigt das Geheimnis der Pendelakkorde in Wagners „Im Treibhaus“, die Tiefe von Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Wenige Augenblicke nur, große Liedkunst. Christiane Tewinkel

FOTOGRAFIE

Überwältigt: Barbara Klemms Mauerfall-Aufnahmen im Bundestag

Die Feiernden stehen neben den Überwältigten, die Sorglosigkeit mischt sich mit der Fassungslosigkeit. „Für mich war dieser Teil der wichtigste meiner Arbeit“, sagt Barbara Klemm über ihre Dokumentation des Mauerfalls. Das sieht man. Die Fotografin hat nicht nur Gefühle eingefroren, als sie am bewegendsten waren, sie hat ein Ereignis in dem Moment festgehalten, in dem es sich selbst noch nicht glauben konnte. Im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus berichten ihre Schwarz-Weißaufnahmen davon „Wie das Wunder geschah“ (Raum des Mauer-Mahnmals, Schiffbauerdamm, bis 9. 1., Fr-So 11-17 Uhr).

In 18 Fotografien erzählt Klemm die Geschichte der Teilung.

Dem Todesstreifen mit seiner bleiernen Stille folgt das Volk, wie es auf der Mauer steht oder die Beine baumeln lässt. Den verhuschten Blick rüber zum Reichstag löst ein strahlendes Ehepaar Kohl ab. Strenge Wächter werden von zigtausend Menschen ersetzt, die am Brandenburger Tor dem Regen trotzen und „Deutschland einig Vaterland“-Fahnen schwenken. Bilder, die einst lebhafte Schlagzeilen machten und über die Jahre zu Dokumenten der Zeitgeschichte geworden sind. Bilder, die sich Barbara Klemm nie erträumt hätte. Sie habe zu den Überwältigten gehört, verrät sie. Annabelle Seubert

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