KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Entspannt: Norrington und

das DSO spielen Mozart

Man kann ihn als einen glücklichen Menschen bezeichnen. Sir Roger Norrington, 76, strahlt über das ganze Gesicht, applaudiert dem Orchester, dreht sich im Philharmonie-Rund um die eigene Achse und steckt auch mal eine Hand in die Tasche. Sein Mozart braucht keine rigide Führung, bei aller akribischen Detailfreude und Transparenz: So viel Entspannung muss sein, an diesem vollständig Mozart gewidmeten Abend. Die Holzbläser des Deutschen Symphonie-Orchesters stehen seitlich hinter den Streichern, die Kontrabässe sind geteilt, und beim Es-DurKlavierkonzert KV 482 ragt Ragna Schirmers Flügel weit ins Orchester hinein. Das sorgt für Eleganz, Leichtigkeit, Klarheit und vor allem für eine offene Gesprächskultur. Die Philharmonie als Polis.

Jedes Motiv eine scheue Wortmeldung, jeder Satz ein verletzliches, pulsierendes Wesen. So hebt das Menuett der B-DurSymphonie KV 319 recht täppisch an, um gleich darauf hauchfeine, selbstredend vibratolose Melancholiefäden zu spinnen: die zarteste Versuchung, seit es Mozart gibt. Ragna Schirmer steuert im Klavierkonzert gläserne Pianississimo-Passagen bei, luftig verdämmernde Töne. Wie Norrington riskiert auch sie die Überdehnung, durchakzentuierte Kurzatmigkeit, ja, den Zerfall des Ganzen. Nach der Pause die „Linzer“ mit ihrem Pomp: Es scheint, als riefe der Zeremonienmeister die schwatzenden Höflinge zur Raison. Norrington schert sich nicht drum und gibt Gedankenfreiheit. Christiane Peitz

KLASSIK

Schwebend: Mitsuko Uchida spielt Schumann, Chopin und Beethoven

Die romantischen Jubilare des Musikjahrs, Robert Schumann und Frédéric Chopin, führt Mitsuko Uchida im Kammermusiksaal zusammen. Doch sie beginnt mit Beethovens Sonate e-Moll op. 90, diesem janusköpfig in die Klassik zurück und die Romantik vorausschauenden Werk. Die japanische Klavierpoetin macht klar: Hier geschieht nichts um des Effekts willen, jeder Ton erklingt geerdet und traditionsbewusst. Schon bei Beethoven pointiert sie kontrastreich die Charaktere, die sich bei Schumanns „Davidsbündler Tänzen“ als Florestan und Eusebius outen, leidenschaftlich der eine, innig versponnen der andere. Im Lyrischen, in der zarten, von Polyphonie unterfütterten Kantilene kann Uchida niemand das Wasser reichen. Dabei wahrt sie vornehme Zurückhaltung. Jedes Rubato erschließt sich aus dem Notentext. Wenn es „wild und lustig“ oder „im Balladenton“ zugeht, staunt man über die bohrende, rhythmisch vielfältige Prägnanz. Bei aller noch so geschmeidigen Technik: Ein Funke Verrücktheit, ja Selbstgefährdung fehlt.

Das gilt auch für Chopins hybrid virtuose h-Moll-Sonate, so schön es ist, sie einmal ganz ohne Macho-Attitüde genießen zu können. Chopin kommt von Bach, das zeigt die erste Zugabe, die Sarabande aus der Französischen Suite Nr. 5: Hier, im Detailreichtum koketter Triller und grazil schwebender Linien ist Uchida ganz bei sich. Und sie kann es auch wagen, ein tief meditierendes Adagio der „Mondscheinsonate“ folgen zu lassen. Isabel Herzfeld

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