KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Pazifisch: das Singapore Symphony Orchestra in der Philharmonie

Singapur liegt zwar im Osten, aber in Sachen Lebensbejahung und Zuversicht scheint man dort Amerika sehr nahe zu sein. Das Singapore Symphony Orchestra unter Lan Shui, zurzeit auf Deutschlandtournee, eröffnet sein Konzert in der Philharmonie mit „The Rhyme of Taigu“, ein zwölfminütiges, kraftvolles Stück des Komponisten Zhou Long, der auch tatsächlich in den USA lebt. Stark rhythmusbasiert, mit dominantem Schlagwerk und markanten Bläsereinwürfen, wirkt es wie eine Hommage an den amerikanischen Eisenbahnoptimismus des 19. Jahrhunderts.

Ganz anders Tschaikowskys Rokoko-Variationen: Hier nimmt sich das Orchester merklich, fast übertrieben höflich zurück. Solist Jan Vogler, der zuvor in Faurés „Elégie“ einen eher lauen Cello-Klang geliefert hatte, schaltet hier plötzlich um auf ein definiertes, präzises, aber auch elegisch singendes Spiel. Schaurig wird es in Rachmaninows „Toteninsel“: Die Kontrabässe grummeln bedrohlich laut, das tiefe Blech lässt den lichten Streichern kaum eine Chance. Ein sturmgepeitschtes schwarzes Meer, in dem die Klangbalance mehrmals bedrohlich ins Wanken gerät. Aber Dirigent Lan Shui hält die Stimmen beisammen und glättet die Wogen.

Ein gänzlich anderes Meer markiert den Schluss: In Debussys „La Mer“ gelingt dem Orchester das dynamische An- und Abschwellen, das das Spiel der Wellen abbildet, hervorragend. Auch hier wieder der ungestüm-amerikanische Klang, vor allem im Blech. Es hört sich an, als stünde man nicht, wie einst Debussy, am Ärmelkanal, sondern am Pazifischen Ozean. Udo Badelt

SOUL

Ekstatisch: Sharon Jones &

The Dap-Kings im Huxleys

Auch mit 50 kann man noch mal durchstarten. So lange ließ der Durchbruch für Sharon Jones auf sich warten. Jahrzehntelang versackte sie in New Yorker Kellerbars und jobbte als Gefängniswärterin, bevor ihre Band, die Dap-Kings, Amy Winehouse auf deren Album „Back To Black“ begleitete, was auch für die in Atlanta geborene Sängerin einen Schub gab, der sie vom Geheimtipp zur gefeierten Soul-Sister machte. Ihre wunderbar altmodische Soulmusik wirkt wie eine Antithese zum Plastik-R’n’B der Gegenwart.

Wie ein Kugelblitz kommt Jones im Huxleys auf die Bühne geschossen, schnauft, schmachtet mit einer Kraft und Verletzlichkeit, die an die großen Gospelstimmen von Aretha Franklin, Mavis Staples und Etta James erinnert. Eine begnadete Entertainerin, die förmlich explodiert und in ihrem Fransenkleid mit wilden Tanzeinlagen begeistert, während die Dap-Kings den spirituellen Brennstoff mit heißen Stax-Volt-Rhythmen an den Rand des Wahnsinns rücken. Zwei Backgroundsängerinnen und acht Musiker mit Gitarren, Congas, Schlagzeug und Gebläse schaffen einen ekstatischen, nach frühem James Brown tönenden Funk-Sound. Zwei Stunden dauert die Party, bei der sich das hart arbeitende Energiebündel mehr verausgabt als die meisten Großraumhallenfüller mit ihren Lastwagenflotten und Drogenköfferchen. Als letzten Song vor der Zugabe singt Jones ihren Hit „100 Days, 100 Nights“, wobei nochmals deutlich wird, was den besten Soul stets ausgezeichnet hat: das große Gefühl, dass es eine andere, bessere Welt gibt, die man berühren kann, wenn man nur seinen Geist sauber hält. Tiefer geht’s nicht. Volker Lüke

MUSICAL

Verspielt: Tom van Hasselts „Drei“

in der Kulturbrauerei

Orpheus vom Prenzlauer Berg hat den Hades am Potsdamer Platz ausgemacht, an dem mit viel Geld ein Musical nach dem anderen auf die Bühne gezaubert wird. Und wo sich seine Eurydike beim Massencasting prostituiert. So fabuliert Multitalent Tom van Hasselt in seinem alternativen Musical „Drei – Ein Musical für Zwei“, das er für sich und Bühnenpartnerin Nini Stadlmann getextet und komponiert hat (wieder am 26. 10., 9. und 16. 11.) Als kreativer Kopf der Gruppe Stammzellformation versucht er nun im Maschinenhaus der Kulturbrauerei das Musical neu zu erfinden – und hat dabei etwas durchaus Charmantes geschaffen.

Nina und Tim, die Figuren des Stücks, möchten ein eigenes Musical schaffen. Doch ein eher zufälliger Blick in die Finanzen lässt Nina zur Realistin werden. Sie sucht ihr Glück da, wo das Geld ist. Tim folgt ihr bei ihren heimlichen Ausflügen ins Feindesland des ominösen Musicalproduzenten H. und stolpert dabei über dessen goldene Kreditkarte. Fortan gibt er sich Nina gegenüber selbst als gönnerhafter H. aus, während er als Autor mit der Knute seiner Kreativität das eigene Werk in Richtung griechischer Tragödie peitscht. Es entwickelt sich eine Verwechslungskomödie, deren nicht immer feinsinnige Lachmomente die Breitseiten auf den Musikkommerz hochmütig erscheinen lassen.

Unterhaltend ist der zweistündige Abend allemal. Als sein eigenes Ein-Mann-Orchester drängt van Hasselt die biedere Handlung mit einfallsreichen Arrangements in den Hintergrund, Nini Stadlmann singt und tanzt leidenschaftlich. Die Revolution wird dabei selbstredend verspielt. Bojan Krstulovic

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