KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf
Aus Venezuela. Gabriela Montero. Foto: EMI
Aus Venezuela. Gabriela Montero. Foto: EMIFoto: PHOTO BY COLIN BELL

KLASSIK

Rund, gesund: Yannick Nézet-Séguin dirigiert die Berliner Philharmoniker

Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen des Konzertbetriebs, debütierenden Dirigenten entgegenzukommen: Wer neu ist, darf sich in der Regel mit Werken vorstellen, bei denen er sich zu Hause fühlt. So gesehen haben die Philharmoniker für den 35-jährigen Yannick Nézet-Séguin optimale Startbedingungen geschaffen. Zwei der drei Werke auf dem Programm kommen aus Frankreich, und alle drei wurden von Komponisten unter dreißig Jahren mit Aufbruchstimmung im Herzen geschrieben. In Olivier Messiaens „Offrandes oubliées“ legt der dynamische Frankokanadier auch gleich mächtig los. Den Streichergesang dieser „sinfonischen Meditation“ lädt er in der Philharmonie mit diesseitiger Inbrunst auf, setzt nicht auf Spiritualität, sondern auf Sinnlichkeit. Schon hier erkennt man, warum Nézet-Séguin gerade Weltkarriere macht (2012 übernimmt er die Leitung des Philadelphia Orchestra). Völlig unprätentiös, ohne jede Scheu, wirft er sich in die Musik, formt sie geradezu plastisch aus, macht den Klang zum Ereignis. Für Berlioz’ „Sinfonie fantastique“ taugt dieser Wohlfühlansatz jedoch nur bedingt. Bei Nézet-Séguin klingt der Schocker von 1830 so rund und gesund, dass man eher an ein Sonntagnachmittags-Promenadenkonzert denkt als an die Visionen einer hysterischen Künstlerseele.

Dass es auch in Prokofjews zweitem Klavierkonzert bei satter Behaglichkeit bleibt, liegt allerdings vor allem am Solisten. Yefim Bronfman hat zwar die virtuose Löwenpranke und einen großen, auch im Brachialfortissimo nicht harschen Ton, zeigt sich aber an Interpretation kaum interessiert. Der gallige Sarkasmus und die brachiale Gewalt, mit der der 22-jährige Prokofjew die große romantische Konzertform zum Einsturz brachte, bleiben als unerfüllter Rest. Die Revolution findet diesmal nicht statt (erneut am heutigen Sonnabend um 20 Uhr). Jörg Königsdorf

KLASSIK

Wein, Weib, Piano: Gabriela Montero

im Kammermusiksaal

Die klassische Welt ist dreigeteilt: hier das Werk, dort der Interpret, gegenüber das Publikum. Das führt zu hochspezialisierten Darbietungen, die oft die Sehnsucht hinterlassen, dass die Musik doch alle Mauern niederreißen möge. Mit dieser Sehnsucht kann man sich zum Beispiel in ein Konzert von Gabriela Montero setzen. Die Pianistin aus Venezuela spielt nämlich nur eine Hälfte des Abends Notentext, die andere improvisiert sie über Themen, die ihr das Publikum vorsingt. Teil eins im Kammermusiksaal besteht aus dem aktuellen Montero-Album lateinamerikanischer Klaviermusik – und ist eine kalte Dusche für alle nach Wärme suchenden Zuhörer. Jegliche Farbe ist aus den Kompositionen von Lecuona bis Molero gewichen, ihnen fehlt selbst ein Hauch Süße, von rhythmischen Rundungen ganz zu schweigen. Wie unreif geerntete Südfrüchte purzelt diese Musik vom Podium.

Teil zwei beginnt ungleich heiterer, und das liegt nicht daran, dass sich Gabriela Montero jetzt ein Glas Rotwein einschenkt. Das Publikum hat Zettelchen gezogen und soll vorsingen. Huster, Lacher und schräge Töne folgen, die Montero routiniert in musikalischem Mondlicht bleicht und dann langsam einfärbt, gerne schubertisch beginnend, leicht angetäuschtes Brahmseln passierend, rachmaninovesk endend. Derweil sie so verfährt, wird das Konzert auf CD gebrannt und kann im Anschluss signiert erworben werden. Der einzig unvorhersehbare Teil des Abends wird nicht aufgezeichnet, wenn der freie Wille des Publikums und eine entfesselte Dame in Block C sich eine Improvisation über „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ wünschen. Was den Abend überlebt, ist – die Sehnsucht. Ulrich Amling

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