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THEATER

Ziemlich kraus: „Die letzten Tage

der Menschheit“ im HAU

Ursprünglich sollte kein Sterblicher dieses Stück je sehen. Einem „Marstheater“ hatte Karl Kraus sein Opus magnum „Die letzten Tage der Menschheit“ zugedacht (im Original 800 Druckseiten), das unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs entstand und als satirisch schärfstens munitionierte Weltverachtungs-Kanonade auf Politiker, Militärs, Pressefritzen und andere unangenehme Zeitgenossen schoss. Gut, Kraus stimmte 1928 der Aufführung einer gekürzten, überarbeiteten Theaterfassung zu – aber die war immer noch gewaltig genug, weswegen ihr auch die Warnung voranstand: „Wer schwache Nerven hat, wenn auch starke genug, die Zeit zu ertragen, entferne sich von dem Spiel.“ Starke Nerven braucht man im Hebbel am Ufer allerdings nicht, wo nun Regisseur Patrick Wengenroth „Die letzten Tage der Menschheit“ als munter-bunte Zweistunden-Show eingerichtet hat (HAU 2, noch bis 27. Oktober). Bei Wengenroth, dem Schöpfer des Trashtheater-Formats „Planet Porno“, der zuletzt an der Schaubühne mit guten Arbeiten aufgefallen ist („Was! Ist das episches Theater?“), hätte der Stoff eigentlich in besten Händen sein sollen – Kraus’ unzusammenhängende Szenen, seine überbordende Zitatwut, sie legen ja eine gewisse Geistesverwandtschaft nahe. Aus irgendeinem Grund allerdings zieht Wengenroth das Stück als überdimensioniertes Kasperletheater auf und steckt die Schauspieler in Sesamstraßen-Kostüme. Ernie ruft „Endsieg“, und dazu spielt die Band „Die Türen“ live einige Hits ihres Albums „Popo“. Warum? Das steht in den Sternen. Patrick Wildermann

KLASSIK

Reichlich rar: Gianluigi Gelmetti

beim Konzerthausorchester

Er hat sein Violinspiel einem Paganini- Film von Klaus Kinski geliehen, und sein Name wird gern im Gleichklang mit dem Helden jenes Films genannt: Salvatore Accardo gilt als „Paganini des 20. Jahrhunderts“. Das Konzerthaus sieht sich also animiert, einen Auftritt des Italieners mit dem Signum „Teufels Geiger“ anzuzeigen. Nun ist bekannt, dass der Teufel sich gern als Violinvirtuose verkleidet und als Versucher und Tausendkünstler die Leute mit seinen Teufelstrillern verrückt macht. Auf dem Podium des 21. Jahrhunderts aber erscheint der welterfahrene Accardo als ein soignierter älterer Herr. Und die Interpretation des Violinkonzerts von Strawinsky, dieses verspielten klassizistischen Stücks, klingt bei ihm bis ins Capriccio eher feinsinnig als fetzig. Es zeigt sich, dass die zarte Melodie der Aria heute mehr sein Teil ist.

Gianluigi Gelmetti, der andere italienische Gast des Abends, stellt sich als ein Kapellmeister dar, der mit allen Wassern der Praxis gewaschen ist. Grenzenloses Repertoire. Da das Konzerthausorchester ihm wie ein Klangkörper folgt, wird die weich intonierte Passacaglia Opus 1 von Anton Webern zu einem großen Romantikabschied.

Auf seinem Hochsitz vor dem Notenpult und den Musikern dirigiert Gelmetti die dritte Sinfonie von Johannes Brahms mit flexibler Gestik und gespannter Natürlichkeit. Die Musik singt und steigert ihre Dramatik in organischem Fluss. Es ist eine Kunst, die früher leicht als „musikantisch“ abgetan wurde, aber hier und heute wie eine schöne Seltenheit wieder auftaucht. Sybill Mahlke

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