KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Schlagfertig: Martin Grubinger

beim Rundfunk-Sinfonieorchester

Gerade hat Martin Grubinger seine erste CD bei der Deutschen Grammophon herausgebracht: ein hübsch zeitgeistiges Wellness-Album, auf dem er gregorianische Choräle mit Perkussion-Zuckerguss überzieht. Was auf die Dauer eher nervt als entspannt, jedenfalls wenn man sich nicht gerade in einer Spa-Lounge aufhält. Da erlebt man den trommelnden Salzburger doch lieber live. Zum Beispiel am Sonntag mit Eivind Aadland und dem Rundfunk-Sinfonieorchester in der Philharmonie, bei einem klug konstruierten Konzert mit Musik des 20. Jahrhunderts: Zum Aufwärmen Bernsteins sinfonische Tänze aus der „West Side Story“, nach der Pause Bartoks „Konzert für Orchester“, bei dem die Musiker zeigen können, in welch glänzender Verfassung sich das RSB derzeit befindet. Und dazwischen Grubinger als Mischung aus Puck und Paganini an den Sticks und Schlegeln.

Avner Dormans „Frozen in Time“ von 2007 ist echtes Virtuosenfutter. Der Solist wirft sein fetziges Thema in den Raum und lässt sich dann vom Orchester vorantreiben, wie von einer bedrohlich wogenden Menschenmasse, traktiert in wahnwitziger Geschwindigkeit Marimbafon und diverse Trommeln, lächelnd, lässig, mit der Siegesgewissheit des Langstreckenläufers. Schwerelos schweben seine schillernden Klanggespinste im langsamen Satz, das Duett mit der Celesta streift die Kitschgrenze. Dann das Finale, hopplahopp geht es durch die Stile, Tango, Easy Listening, Minimal Music, Hardrock, nur Grubinger ist beim ständigen Instrumentenwechsel noch – schlagfertiger. Frederik Hanssen

JAZZ

Innere Musik: Terry Riley

im Haus der Kulturen
der Welt

Die ersten Sekunden im Haus der Kulturen der Welt verdeutlichen die Besonderheit eines Terry-Riley-Konzerts. Die Gnade, diesen Jahrhundertmusiker noch einmal erleben zu dürfen, wie er in sich gekehrt den Tönen nachforscht und der inneren Musik den Weg nach draußen öffnet. Er war der Erste, der in den Sechzigern mit Tonband-Loops und Pattern-Music Zeit und Raum der Musik erweiterte, was nicht nur Steve Reich und Philip Glass beeindruckte, sondern auch starken Einfluss auf die experimentellen Phasen der Rockmusik hatte und die wichtigsten Stilmittel von Techno vorwegnahm. Später führten ihn seine Ideen zur indischen Raga-Musik, die er an der Kirana-Schule des legendären Pandit Pran Nath studierte.

Nun sitzt der im Juni 75 Jahre alt gewordene Urvater der Minimal Music mit geflochtenem Vollbart am Flügel, um mit dem Tabla-Spieler Talvin Singh und George Brooks am Saxofon in entspannter Konzentration einen hermetischen Raum zum Wegdriften aufzuklappen. „California Kirana“ heißt das Programm, bei dem die Musiker indische Ragas mit amerikanischer Jazz-Improvisation verknüpfen. Riley bringt seine Nada-Yoga- Stimmtechnik zum Einsatz („Om Antaran tvam, taran taaran tam, ananta Hari Narayan Om“) und führt sein dynamisches Klavierspiel vor, das manchmal an Keith Jarrett erinnert. Dazu klappert Singh mit den Tablas oder Schlagzeugbecken, und Brooks verleiht der Musik mit seinem lyrischen Ton einen einzigartigen Sog. Dabei entsteht eine Musik, die fast so etwas wie einen Hauch von Glückseligkeit hinterlässt.

Zeitlos, unbeeinflusst von den Dingen dieser Welt und genauso weit entfernt von einer Minimal Music, die nur noch ihre verstaubte Ernsthaftigkeit in den Vordergrund stellt, wie von einem oberflächlichen New-Age-Gedudel. Maximaler Applaus. Volker Lüke

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