KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Der Federschmuck ist seine Narrenkappe. Rainald Grebe. Foto: dpa
Der Federschmuck ist seine Narrenkappe. Rainald Grebe.Foto: dpa

POP

Hemmungslos: Wir sind Helden

in der Columbiahalle

Gitarre weg. Tanzen! Weil sich Judith Holofernes bei den Aufnahmen fürs neue Album auf den Gesang konzentrieren wollte, darf sie jetzt: mit den Armen rudern, Hüfte schwingen, wild im Kreis rotieren und moonwalken, aber nach vorne. Dafür spielt der Bassist nun Gitarre, manchmal aber auch Banjo, der Keyboarder Akkordeon und zwei Begleitmusiker übernehmen, was eben übrig bleibt nach der Instrumentenrochade. „Zuhause“ jubelt Holofernes gleich zu Beginn, und das ist nicht bloß lokalpatriotisch gemeint. Die Columbiahalle ist seit Wochen ausverkauft. Als die Sängerin beim älteren „Echolot“ husten muss, übernimmt das Publikum, und das Klatschen erreicht streckenweise eine Westernhagenhaftigkeit, dass einem bange werden möchte. Aber nicht bei dieser Band, nicht an diesem rauschhaften Abend. Wir sind Helden sind nicht mehr die Band, die Trends setzt, und auch nicht mehr die, die darauf angewiesen wäre. Noch eine Bewegungsfreiheit, die ihnen sichtlich gut tut, unter dem riesigen Mobile aus stilisierten Herbstblättern an der Hallendecke. Oder sind es Regentropfen. Gar Freudentränen.

Im zweiten Teil des Konzerts steigert sich der Auftritt zu einem furiosen Hippie-Event, zur Zugabe kehrt Holofernes in weit fallendem Glitzerkleid auf die Bühne zurück, dann spielen sie „Let the Sunshine in“ aus Hair, und am Ende strahlt der Projektor ein riesiges Peace-Zeichen an die Wand. Vor der Bühne jauchzt der Akademiker-Moshpit. Kleiner Schönheitsfehler, dass Judith nicht noch zur anstehenden Castor-Blockade aufruft, sondern das Nebenprojekt ihres Drummer-Gatten bewirbt. Aber egal, hier ist irgendwie alles für einen guten Zweck. Sebastian Leber

KLASSIK

Neugierig: Gabriel Adorján und

das Deutsche Kammerorchester

Nur 93 Jahre Lebenszeit haben die drei Komponisten insgesamt sammeln dürfen, die das Deutsche Kammerorchester präsentiert – und einer von ihnen hat es bis zur Ewigkeit gebracht. Vom Ruhme Mozarts fällt auch etwas Glanz auf seine beiden in Stockholm und London tätigen Zeitgenossen Joseph Martin Kraus und Thomas Linley: Als „Odenwälder Mozart“ respektive „Englischer Mozart“ stehen sie zumindest in den Fußnoten der Musikgeschichte.

Am Dienstag ist das Augenmerk im gut gefüllten Kammermusiksaal auf diese beiden Unbekannten gerichtet. In bewährter Manier leitet Konzertmeister Gabriel Adorján von der Violine aus die 18-köpfige Truppe. Während Kraus’ Symphonie in C-Dur von der fesselnd düsteren Adagio-Einleitung im ersten Satz bis zum sich penetrant ankündigenden Finale eine eher enttäuschende Entwicklung nimmt, staunt man nicht wenig über Finleys Violinkonzert: mutige Tempi und Pausen im ersten, ein Adagio, in dem er aus einem einfachen Motiv Musik von seltener Schönheit schafft und dann das überraschend zurückhaltend ausklingende Finale. Mozarts Divertimento D-Dur ist dagegen ein kapitales Stück – und so sind am Ende die Verhältnisse zwischen Stockholm, London und Wien wieder zurechtgerückt. Bojan Krstulovic

COMEDY

Gnadenlos: Rainald Grebe

im Admiralspalast

Dadaismus ist die Kunst, aus Zitaten eine neue, ganz eigene Welt zu erschaffen. Als Rainald Grebe die Bühne des Admiralspalasts betritt, fallen ihm erst einmal die mitgebrachten Zettel aus der Hand. „Oh, der Ablaufplan“, seufzt er, setzt sich an den Flügel und beginnt draufloszuimprovisieren. Er verhackstückt Gassenhauer („Ich bin vom selben Stern / Ich hab mein Konto gern“), erfindet Aphorismen („Frauen sind so nah am Wasser gebaut wie Ruderclubs“) und singt Knittelverse („Ich denke Menschen ohne Abitur / Neigen zur Intimrasur“). Ein grandioser Auftakt, auch wenn die scheinbare Spontanität wahrscheinlich hart erarbeitet worden ist.

Rainald Grebe ist ein Meister des heiligen Unernstes, seine Narrenkappe ist der Federschmuck eines Indianerhäuptlings. Nachdem er jahrelang solo oder mit zwei Begleitmusikern herumgetingelt ist, kann er nun expandieren. Sein „Orchester der Versöhnung“, das in Berlin seine Premiere feiert, besteht aus einer fünfköpfigen Band und einer exzellenten vierköpfigen Streichergruppe. Das Bühnenbild erinnert an einen MarthalerTheaterabend. Couchlampen verbreiten schummriges Licht, auf einem Teewagen stehen Biergläser und ein Six-Pack bereit. Ein Streicher sitzt schon vor Beginn des Konzerts auf seinem Stuhl, in seinen Ohren steckt Klopapier. Die Streicher sind grauhaarige Herren, zu den running gags des Abends gehört es, dass sie sich immer wieder Sticheleien über ihr Alter anhören müssen. „Lebt ihr noch zuhause?“, fragt Grebe. „Oder seid ihr schon im Heim?“

Grebe singt vom Angeln, vom Aufeinandertreffen der Kulturen bei einem Afrika-Urlaub und den verblassenden Erinnerungen ans vorige Jahrhundert. „Weltempfänger, Sprachlabor, Münzfernsprecher / Das ist alles 20. Jahrhundert / Ich hab das alles erlebt“, skandiert er, dann geht das Stück im Getöse einer O-Ton-Collage unter. Die Begleiter spielen Banjo und Balaleika, die Musik wechselt vom Blues zum Schlager zum Jazz. Eine Hymne auf das Land Sachsen-Anhalt ist die Fortsetzung der Brandenburg- und Thüringen-Hits. Wieder geht es um ländliche Tristesse: „Ibiza und Malle kennen alle / Aber wer kennt das Land zwischen Magdeburg und Halle?“ Ein Song über den Prenzlauer Berg endet mit einem kämpferischen Ausruf: „Ho-Ho-Holzspielzeug!“ Grebe ist unwiderstehlich, weil er gleichzeitig charmant und böse sein kann (bis 7. 11., täglich 20 Uhr). Christian Schröder

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