KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Gemeinsam stark: Simon Rattle

mit den Berliner Philharmonikern

„Mit durchaus ernstem und feierlichem Ausdruck“ fällt das Fortissimo der „Auferstehungssymphonie“ von Gustav Mahler attaca in das Gebet „Shem’a Yisroel“, wie es im Ghetto aus einer Schar von Todgeweihten hervorgebrochen ist: aktuelle Kunst von Arnold Schönberg im „Survivor from Warsaw“, die die Brutalität der Henker schildert, über die das israelische Bekenntnis triumphiert, wird von „wild“ dreinfahrenden tiefen Streichern des „Gottsuchers“ Mahler aufgenommen.

Was für eine Dramaturgie! Die Berliner Philharmoniker befinden sich auf einer Reise durch die Symphonik von Mahler. Ein Zyklus, der in der kommenden Spielzeit weitergeht. Und der jeweils gesuchte Kontext mit anderen Musikwerken erfährt in diesem Fall in der zäsurlosen Folge von 99 Takten „Warschau“ und Welttheater-Symphonie – „O Röslein rot“, Trompeten der Apokalypse, „Aufersteh’n“ –, unerahnte Gegenwärtigkeit.

Hanns Zischler ist Sprecher des Melodrams, sachlicher seiner Natur gemäß als der oft in der Partie erlebte Dietrich Fischer-Dieskau, der gleichsam die Schuld im Herzen sublimiert. Aber einem Memento gleich, das in Mahlers Musik eindringt, bleibt Zischler an seinem Pult stehen, um sich erst beim Beckenschlag leise zu entfernen. Was folgt, ist eine glühende Interpretation der Zweiten unter Simon Rattle. Eine Welt der Schmerzen wird musiziert, und wenn nach dem Trauermarsch die Streicher ihre hochkarätige Virtuosität entfalten, bleibt der Ländler doch im Zwielicht: Das alles ist Erinnerung, nicht geheuer, ein Schönes, das einmal war. Schon schlägt die Pauke in den ersterbenden Schluss, um dämonischen Spuk zu entfesseln. Dem „Urlicht“ der Magdalena Kozená, die den Mut zum Leisen verteidigt, antwortet „wild herausfahrend“ das Finale. Jüngstes Gericht, stark und glänzend koordiniert die Bläser im Fernorchester, Vogelgesang der Flöte, „Aufersteh’n“ mit dem wunderbaren Rundfunkchor, bis Gewissheit rauschhaft triumphiert. In ihrer Konzentration ist die Aufführung ein Höhepunkt der Gemeinsamkeit Rattles mit den Philharmonikern. Sybill Mahlke

KLASSIK

Pianist des technischen Zeitalters: Josef Bulva im Konzerthaus

Seine Unterschrift sieht aus wie die eines Mannes, der vor einigen Jahrhunderten gelebt hat. Seine hagere, unbewegte Gestalt scheint ebenfalls nicht aus unserer Zeit zu stammen. Wenn Josef Bulva sich auf dem Podium des Konzerthauses seinem Steinway nähert, schaut man unwillkürlich, ob ihm wirklich ein Schatten folgt.

Er hat versucht, ihn abzuwerfen, das Schicksal zu besiegen. Denn Bulva, der einst tschechischer Staatssolist war, dann ein in den Westen geflohener Musikdandy, sollte eigentlich nie wieder auftreten können. So lautete die Diagnose nach einem Unfall vor 14 Jahren, der seine linke Hand schwer verletzte. Doch der Mann, der niemals Emotionen zeigt, kämpfte sich nach Operationen mit eiserner Disziplin wieder an den Flügel heran. Jetzt ist der 67-Jährige auf Comeback- Tournee, Berlin ist seine vorerst letzte Station. Dabei jagt er ein Phantom: den legendären Josef Bulva, diesen kühlen Kauz mit der Begeisterung für alles mathematische, auch genannt „der Pianist des technischen Zeitalters“. Doch der Mythos, der im Foyer in Buch-CD-Boxen feil geboten wird, ist unerreichbar.

Bulvas Spiel hingegen ist von Klarheit beinahe ebenso weit entfernt wie von Gefühlen. Durch seinen hurtigen Beethoven ziehen Nebelfelder, die nicht ganz verdecken können, wie viel Mühe die Beherrschung von Läufen und Sprüngen ihm bereitet. Das blaue Licht, das die Veranstalter zur Mondscheinsonate spendiert, verleiht der Szene etwas Gespenstisch- Groteskes. Am aufregendsten dann das Finale mit Chopin: entzauberte Musik, zu müde für Sentimentalitäten, die immer dieselben bleiben, über Jahrhunderte hinweg. Ulrich Amling

KUNST

Der Sound von Plasmabildschirmen:

Hartmut Bitomsky im NBK

Staub hat es nicht leicht. Wo er auftaucht, wird er weggesaugt und fortgewedelt. Jenny Michel hat sich seiner erbarmt. Die Berliner Künstlerin sammelt Staubflusen und klassifiziert sie in Ordnungssystemen. Hartmut Bitomskys Interview mit ihr ist Teil seiner großangelegten und raumfüllenden Film-Sound-Installation „Shakkei - Geborgte Landschaft“, die der Neue Berliner Kunstverein noch bis zum 7. November zeigt. Es ist eine Premiere: Zum ersten Mal sind Filme des gebürtigen Bremers nicht im Kino, sondern in einer Kunstinstitution zu sehen. Bis letztes Jahr war der 68-jährige Filmemacher Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) und hat bislang mehr als vierzig Filme gedreht.

Zunächst ist man leicht irritiert. Im ersten Raum stehen Monitore und Plasmabildschirme. Sie zeigen mit wackeliger Handkamera gefilmte verschrottete Flugzeuge, in denen Vögel nisten. Noch mehr Interviews. Staubpartikel, die im Lichtschein durch die Luft tanzen. Riesige Krater in der Wüste, die Sprengung eines Wohnblocks im Ruhrgebiet. Die Tonspuren der Plasmabildschirme überlagern sich, werden zu einem Sound-Mischmasch. Dann versteht man: Es sind bisher ungesehene Outtakes aus seinen Filmen „Staub“ (2007) und „B–52“ (2001), die Hartmut Bitomsky recycelt und aufwendig zusammenmontiert hat. Zusammen mit den Projektionen im Nebenraum bilden sie neun Filmfragmente, die jeder Besucher auf seine Weise kombinieren kann. Daniel Grinsted

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