KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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POP

Gelassenheit des Alters:

Mulatu Astatke in der Volksbühne

Wie schön, wenn einem vergessenen Helden die Gunst eines unerwarteten Comebacks zuteil wird. Bei Mulatu Astatke, einer Lichtgestalt der äthiopischen Popmusik der Siebziger, war es 2005 der Soundtrack zu Jim Jarmuschs „Broken Flowers“, der ihn ins Gedächtnis eines Publikums rief, das sich für afrikanischen Pop zu interessieren begann. Seitdem gastiert Astatke gern in Berlin, wo ihm eine gut gefüllte Volksbühne lauscht. Mit seinen 67 Jahren ist Astatke ein überaus gelassener Bandleader, sofern man die Heliocentrics als seine Band bezeichnen kann. Die coolen Sieben um den quirligen Drummer Malcolm Catto überspielen die Lethargie des kahlschädeligen Altmeisters und energiebündeln sich durch wunderbare Stücke mit klangvollen Namen wie „Yegelle Tezeta“ oder „Yekermo Sew“. Unablässig tschickert Adrian Owusus Wah-Wah-Gitarre über dichte Rhythmusteppiche, während Trompeter Byron Wallen und der Saxofon-Schlacks Shabaka Hutchings feurige Soli blasen. Dazu tupft Astatke behutsam auf dem Vibrafon herum, wenn er sich nicht auf etwas Congagetrommel oder ein paar Orgelakkorde beschränkt. Sein minimalistischer Einsatz tut dem Vergnügen keinen Abbruch, ist diese zwischen Afro-Funk und Jazz oszillierende Musik doch gekennzeichnet von einer Schwerelosigkeit, die einen in Einklang mit den wabernden Videoprojektionen in einen embryonal glucksenden Glückszustand versetzen kann. Nach 80 Minuten federt man leichtfüßig in die Realität zurück.Jörg Wunder

KLASSIK

Chopin mit Selbstbewusstsein:

Lang Lang in der Philharmonie

Bei einem echten Superstar halte auch Kartenpreise von bis zu 150 Euro das Publikum nicht zurück. Lang Lang ist um 11 Uhr vormittags mit Italiens Vorzeigeorchester, dem Orchestra dell‘ Accademia Nazionale di Santa Cecilia, in die ausverkaufte Philharmonie gekommen. Natürlich wartet alles auf den chinesischen Vorzeigepianisten, der durch seine Popularität jedes Orchester zum Beiwerk degradiert. Doch Antonio Pappano am Pult hat auf reines Begleitspiel wenig Lust. Schon Rossinis Ouvertüre zu „Semiramide“ dirigiert er voller klassischer Strenge, dadurch wunderbar transparent. Mit einer grandiosen Interpretation von Berlioz‘ Symphonie fantastique werden die Italiener später Eindruck hinterlassen.

Gewiss wird diese Extrovertiertheit des Orchesters für Lang Lang in Chopins Klavierkonzert Nr. 1 zur Herausforderung. Butterweich klingt seine Interpretation des zweiten Themas im Kopfsatz, mehr gehaucht als gespielt und von solcher technischer Perfektion, dass stellenweise alles in Beiläufigkeit umzukippen droht. Lang Lang ist sich seiner selbst zu sicher. Auch in der Romanze presst er Chopins Lyrik bis zum letzten Tropfen aus. Er bestimmt die Musik, er befragt sie nicht. Wer vor einem Jahr hörte, wie intim Daniel Barenboim an gleicher Stelle mit diesem Konzert in Dialog getreten war, vermisst bei Lang Lang manchmal produktive Ungewissheit. Allein im finalen Rondo, wenn er mit Spielwitz triumphiert, fruchtet diese vor Selbstbewusstsein strotzende Herangehensweise. Natürlich gibt es für all das Ovationen, die aber nur zu einer Kurzzugabe führen. Daniel Wixforth

THEATER

Liebe und Whiskey: Eugene O’Neill

im Maxim-Gorki-Thater

Eine Farm in Connecticut, September 1923: Phil Hogan, der Pächter des steinigen Landstückchens, ist mit seinen Zahlungen im Rückstand. Nur wenn Besitzer James Tyron, jung, attraktiv, verludert, für die Tochter Josie entflammbar wäre, könnte es Rettung geben. In Eugen O’Neills Vierakter „Ein Mond für die Beladenen“ (1943) aber geht es nicht um Kauf und Verkauf, sondern um Menschen, die auf der dunklen Seite des Lebens um einen Hauch Würde und Widerstandsfähigkeit gegen Elend, Lieblosigkeit, Alkohol kämpfen. Josie und Phil wollen ja zusammenfinden und riskieren dafür Lüge und Verstellung. Denn die Lauterkeit des Mädchens ist gegen die Verkommenheit des jungen Mannes nicht verrechenbar. Armin Petras gibt dem Stück, bearbeitet für das Schauspielhaus Bochum und nun für das Gorki Studio, Versöhnliches, Märchenhaftes.

Er stellt es in eine Unwirklichkeit, die mit Licht und Schatten spielt, mit glitzernden Lichterketten und träumerischer Musik. Alles ist benutzbar, aber auch ohne festen Boden. Die quadratischen Platten, auf denen alles ruht, können gestapelt und weggeräumt werden. Petras, mit Patricia Talacko auch für das Bühnenbild verantwortlich, baut mit Lust dieses flirrende Reich zwischen Nüchternheit und fantastischer Entrückung auf – und hat mit Anja Schneider als Josie eine souveräne Herrscherin gefunden. Großmäulige Vertrotztheit, Abwehr gegen Inbesitznahme und Neugier auf das große Liebeserlebnis bilden eine Einheit. Anja Schneider spielt den Trampel, die Aggressive und zugleich die Mädchenhafte mit dem Wissen um die Unerfüllbarkeit ihrer Sehnsüchte. Sie macht es zum Ereignis, wie eine junge Frau aufrecht hinaus ins Leben will und mit diesem Wunsch scheitert. (Wieder am 11. u. 27. 11.) Christoph Funke

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