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KLASSIK

Mexikanischer Abend:

Rolando Villazón in der Philharmonie

Der Saal liegt ihm zu Füßen. Rolando Villazón hat mexikanische Canciones mitgebracht, Schmachtfetzen und Schlager wie „Bésame mucho“. In den ersten Reihen werden mexikanische Fähnchen geschwenkt, bei „Cielito Lindo“ singt Block E lauthals mit, weiter hinten wird eine Flagge entrollt. Beim Revolutionslied „La Cucaracha“ herrscht endgültig Stadion- Atmosphäre in der Philharmonie. Villazón, der König des Herzschmerzes, gibt den Conferencier, erzählt einen „Cucaracha“-Witz, flirtet, tänzelt, animiert: Wer bei dem Tenorissimo je an Mister Bean dachte, kann nun endgültig den Comedian erleben, den Pantominen und Slapstick-Künstler. In seinem Rücken steuern die ebenso gut gelaunten Bolívar Soloists die raffinierten lateinamerikanischen Rhythmen bei. Die vom Flötisten und Arrangeur Efraín Oscher gegründete Mariachi-Formation musiziert mit und ohne Villazón Boleros, Walzer, Rancheras – kokett, lasziv und mit verwegener Leidenschaft. Wenn Männer zu viel lieben ...

Es ist der Auftakt zur Europa-Tournee zu Villazóns „México!“-CD: ein für die Fans beglückender Abend – und eine stille Tragödie für die Gesangskunst. Schon nach dem zweiten Lied wird der Ruf nach dem Mikrofon laut. Villazóns Stimme füllt den Raum nicht, sie ist klein, belegt, verschleiert, mit angestrengten Höhen und Registersprüngen selbst in der mittleren Lage. Die Pausen, die Krise, die Stimm-Operation, die Rückkehr – man hofft vergeblich auf den alten Villazón. Nichts gegen Schlager singende Tenöre. Aber schon Villazóns Händel-Aufnahme von 2009 hatte enttäuscht, und die Canciones interpretiert ein Juan Diego Florez weit strahlender. Dilemma des Ruhms: Der Abend verlangte einen intimeren Rahmen, weniger Stadion- als Salon-Atmosphäre. Dort könnte sich Villazóns kammermusikalisches Talent entfalten, mit der Stimme zu schauspielern, die kurzen Schluchzer, das fein schwingende Vibrato, vor allem die Hingabe, die er sich für kurze Momente erlaubt. In der Philharmonie hat sie keine Chance. Christiane Peitz

ROCK

Schatten der Vergangenheit:

Carl Barât im Magnet Club

Zwei Alben, gut 30 Songs: Es war ein schmales Oeuvre, das die Libertines bei ihrer Trennung 2004 der Nachwelt hinterließen. Dennoch entzündete sich an kaum einer britischen Band der letzten zehn Jahre so sehr die Begeisterung der Fans. Eine Bürde, mit der die beiden Protagonisten, Carl Barât und Pete Doherty, sehr unterschiedlich umgehen: Während Doherty durch unbedingte Gegenwartsbezogenheit seine Karriere kompromisslos in eigene Bahnen lenkte, schien Barât eher geneigt, das Erbe der Libertines zu verwalten.

Ein Zugeständnis, das bei seinem Auftritt im Magnet Club helles Entzücken auslöst. Immer wenn der 32-jährige Lederjackenträger seine E-Gitarre umschnallt und die Anfangsakkorde eines der wohlbekannten Gassenhauer wie „The Man who would be King“ oder „Up the Bracket“ raushaut, tobt die Menge, zumal seine fünfköpfige Backingband den schnodderigen Garagensound der Libertines kompetent nachstellt. Dennoch verwundert die Tatsache, dass ein Drittel der 75-minütigen Show der verblichenen Heldenband gewidmet ist, hat Carl Barât doch gerade ein erstes Soloalbum unter eigenem Namen veröffentlicht. Dessen ambitionierte Songs, zwischen Chanson- Reminiszenzen, folkiger Schrummelseligkeit und rummelplatz-affinem Artrock pendelnd, kommen live in leichter Schräglage daher, was vor allem an Barât selbst liegt. Bedingt durch die luftigeren Arrangements, in denen sich auch Amy Langleys Cellospiel endlich bemerkbar macht, muss seine Stimme einen wesentlich größeren Anteil zur Gesamtwirkung der Stücke leisten. Und der Sänger Carl Barât kann mit dem Komponisten nicht immer mithalten. Macht aber nichts, wenn man noch ein Zugaben-Ass wie „Don’t look back into the Sun“ in der Hinterhand hat. Das klingt dann zwar schwer nach Libertines Revival Band. Aber Carl und Pete sollen sich ja wieder vertragen haben und sogar an neuen Songs arbeiten. Es gibt schlechtere Aussichten auf ein Comeback. Jörg Wunder

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