KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Dämonisch: das Mariinsky-Orchester unter Gergiev in der Philharmonie

Für die einen war es das Festkonzert einer mächtigen deutsch-russischen Gasallianz, für die anderen der erste Auftritt des Mariinsky-Orchesters in der Philharmonie. Ein durchaus explosives Gemisch aus Versorgungssicherheit auf roten Teppichen und zugesetzter Kulturbotschaft. Valery Gergiev ist dieses Terrain vertraut. Der Mariinsky-Chef und Putin- Freund wird in der Nähe der Macht nicht ohnmächtig und weiß, wie er Geld für seine Leute zusammenbringt. Seine deutsch-russische Musikauswahl gibt sich schwergewichtig: Auf Tschaikowskys Orchesterfantasie „Francesca da Rimini“ folgt der dritte „Parsifal“-Aufzug. Höllenstürme und Karfreitagszauber, mit weniger gibt sich Gergiev nicht zufrieden. Stablos mit dauervibrierenden Händen dirigiert er, nach immer mehr Druck in der Orchesterpipeline verlangend.

Die Mariinsky-Musiker antworten unisono bis zur Uniformität, geduckt unter einen drohend-niedrigen Himmel, an dem fahle Lichter aufflackern. Darunter schleppt sich Tschaikowskys Infernovision dahin, an Gergievs vorsätzlicher Dämonisierung leidend. Auch in Wagners „Parsifal“-Finale fällt wenig Licht, das Konturen schafft, Perspektiven, Leben. Kaum, dass die Themen noch harmonische Bindungskräfte besitzen, nur ihr rauer Schatten lebt fort. Wie ein Relikt agiert darin Matti Salminens Gurnemanz, warmherzig, mitfühlend, während seine jungen russischen Kollegen kühl mit dem Text ringen. Die Erlösung fällt aus und wird in den nächsten Geschäftsbericht verlegt. Ulrich Amling

FILM

Schmerzlich: Gamma Baks

Videotagebuch „Schnupfen im Kopf“

„Das vergeht wie ein Schnupfen“, meint ihr Freund, als die ersten Anzeichen der psychischen Krankheit auftauchen. Es vergeht nicht, sondern dauert acht Jahre, und die Regisseurin wehrt sich dagegen mit ihren Mitteln. Das erste Mal setzt sie sich 1993 zu einem Selbstinterview an den Küchentisch. 2001 beginnt sie, das Material zu dem experimentellen Videotagebuch zu ordnen, das auf dem Berlinale-Forum dieses Jahr seine viel beachtete Uraufführung erlebte. „Schnupfen im Kopf“ ist weit mehr als ein autobiografisches Porträt. Begleitet von selbstquälerischen Zweifeln, liefert sich Gamma Bak der Kritik von Freunden aus, die angesichts der bis zur „Raserei“ gehenden Verhaltensstörungen einen kühlen Kopf zu bewahren suchen. Ihr langjähriger Partner – und Kameramann – Dieter Vervuurt bringt die Freundin Mitte der neunziger Jahre in Havanna kurzerhand zum Flughafen, weil er in ihrer Gegenwart nicht mehr arbeiten kann. Der wichtigste Hinweis aber kommt vom ungarischen Dokumentarfilmer András Surányi. In jeder Familie, sagt er, gibt es ein Opferlamm, auf dessen Rücken der Ballast abgeladen wird. In diesem Fall könnte das die komplexe Verdrängung des Holocaust und der enttäuschten Hoffnungen nach 1945 durch die jüdisch-ungarischen Eltern sein, die 1956 nach Deutschland flüchteten. Nicht einmal Ungarisch sollte die 1965 in Marburg geborene Tochter lernen.

„Die ganze Kindheit war eine Kränkung“, behauptet die Regisseurin, ohne den Faden der Familiengeschichte ganz aufzudröseln. Lieber breitet sie voller Wut ihre Erfahrungen in der Psychiatrie aus. Siegt am Schluss doch die von ihr eingestandene „Faszination von sich selbst“ (im Moviemento)? Hans-Jörg Rother

KUNST

Mitfühlend: Benno Elkan

in der Akademie der Künste

„Allen Opfern“ hat der Bildhauer Benno Elkan 1925 sein Denkmal für die Toten des Ersten Weltkrieges in Völklingen gewidmet. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg plante der vor den Nazis nach London geflohene Künstler ein Mahnmal für die wehrlosen Opfer des Bombenkrieges – unabhängig von ihrer Nationalität. Das eine Denkmal haben die Nazis zerstört, das andere wurde nie realisiert. Hierzulande ist der Künstler vergessen.

Nun ist Elkans Archiv in den Besitz der Akademie der Künste gelangt und das Haus am Pariser Platz fasst Stationen seines Lebens zusammen (bis 9 .1 .2011). Die Fotos zeigen einen Bildhauer, der sich rasch auf sein Gegenüber einstellt. Elkan, mit der Schwester des Kunstschriftstellers Carl Einstein verheiratet, gehörte in Frankfurt zum gehobenen Bürgertum. Er entwarf Grabsteine und Medaillen für Künstler und konnte auch im Londoner Exil schnell Fuß fassen. „Brilliant“ nennt Clementine Churchill die grüblerische Bronzenbüste ihres Gatten. Elkans berühmtestes Werk, die Menorah für die Knesset in Jerusalem, ein Geschenk des britischen Parlamentes an Israel, lässt den Geschichtenerzähler erkennen. Höchste Zeit, den vergessenen Künstler wieder zu entdecken. Simone Reber

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