KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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Werberinnen der Privatarmeen. Svenja
Werberinnen der Privatarmeen. Svenja

THEATER

Drehtüren und Geheimnisse:

„The Act“ im Theater im Palais

Ein vertrackter Text. Zunächst scheint es, als wolle Richard Langridge mit seinem Schauspiel „The Act – Die Clownsnummer“ eine Variation zum legendären Boulevard-Spaß „Sonny Boys“ von Neil Simon liefern. Auch bei dem 64-jährigen britischen Autor treffen sich zwei lang befreundete Clowns zur Vorbereitung ihrer Arbeit. Routine mündet in Streit, Unsicherheit in Trotz. Bald aber kippt die Geschichte. Hansen und Fink wissen nicht, wo sie sich befinden, wie ihr Auftrag lautet, wer sie engagiert hat. Und es beginnt ein Spiel, das die Zeit aufhebt. Mal knallen Schüsse, mal fällt der Strom aus, und der festlich gekleidete, geheimnisvolle Auftraggeber liefert plötzlich neue Texte. Aus dem Clownsspiel soll die ultimative Gerichtsverhandlung gegen Gott werden – eine finstere politische Macht tritt aus dem Schatten der Vergangenheit und meldet den Anspruch auf absolute Macht an. Ob die Clowns den Raum lebend verlassen werden, bleibt offen.

Peter Rauch inszeniert das im Theater im Palais sehr bedachtsam, alle grellen Effekte meidend. Er vertieft sich in die Charaktere der beiden Clowns, bleibt vorsichtig im Aufdecken unterschiedlicher Lebensabläufe. Alexander Martynow hat dazu auf engstem Raum ein Zimmer gebaut, fast anheimelnd in vielen genauen Details für ein freundliches Willkommen, und doch unheimlich mit der Drehtür ins Draußen, ins Nichts.

Ute Falkenau fängt am Klavier und mit mancherlei ungewöhnlichen Tonträgern das Undurchschaubare der Umstände verwirrend und zauberisch ein. Aber aus einer betulichen Langsamkeit kommt die Aufführung nicht heraus, dass sich das Stück in seinen routiniert angehäuften Geheimnissen verrennt, bleibt deutlich spürbar. Carl Martin Spengler und Stefan Kleinert geben ihren Clowns eine berührende Melancholie. Maximilian Claus setzt dem faschistoiden Gastgeber das schmierige Lächeln des selbstsicheren Verführers ins Gesicht, und Peter Rauch ist der unterwürfige Diener. (Wieder am 9. und 10.11., 20 Uhr). Christoph Funke

THEATER

Söldner und Businessfrauen:

„Blackwater“ im HAU 3

Das Phänomen privatwirtschaftlicher Militärunternehmen geriet zum ersten Mal nach dem Ende der Apartheid in Südafrika in den Blickpunkt. Angehörige aufgelöster Eliteeinheiten der südafrikanischen Armee gründeten damals das Unternehmen Executive Outcomes. Die Söldnertruppe griff im Auftrag der Regierungen Angolas und Sierra Leones erfolgreich in Bürgerkriege ein und sicherte sich im Gegenzug die Lizenzen zur Ausbeutung von Bodenschätzen. Seitdem ist eine Reihe privater Militärunternehmen entstanden, insbesondere in den USA. Das bekannteste ist Blackwater, das sich mittlerweile in Xe Services umbenannt hat.

Wie nun macht man die Anwendung neoliberaler Konzepte auf die Kriegsführung anschaulich? Der Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger wählt für sein Stück „Blackwater – Private Military Companies“ im HAU 3 die Form des theatralischen Zitierens. Fünf adrette Damen im Businessoutfit tragen streng choreografiert die Werbesprache der Firmen vor: „In a world of change, protection is vital.“ Sie zitieren aus den Verträgen des Unternehmens Sandline mit der Regierung von Papua-Neuguinea, um eine Kupfermine aus Rebellenhand zurückzuerobern. Oder sie stellen ein Interview mit Blackwater-Gründer Eric Prince nach.

Und die Gewalt hinter den Worten, mit denen Prince sein „Produkt“ beschreibt? Stühle krachen auf den Boden – um danach wieder in militärischen Formationen aufgestellt zu werden. Eine stringente, in sich schlüssige szenische Argumentation. Das Problem des Stücks ist ein anderes: Es stützt sich auf zu wenige Quellen. Große Teile stammen aus Naomi Kleins Buch „Schock Doktrin“ und Jeremy Scahills „Blackwater“. Immerhin wird außerdem aus dem Tagebuch des Landsknechts Peter Hagendorf zitiert, der im Dreißigjährigen Krieg als Söldner durch deutsche Lande zog.

Die interessantesten Fragen des Abends aber, etwa ob Executive Outcomes den Völkermord in Ruanda (im Gegensatz zur handlungsunfähigen UN-Truppe) hätte beenden können, werden nicht weiter verfolgt. Könnten die Privatarmeen nicht auch zur Ausschaltung der mexikanischen Drogenkartelle eingesetzt werden? Oder in Darfur tätig werden? Hier hätte die wirkliche Provokation des Stücks gelegen. (Wieder am heutigen Sonntag, 20 Uhr) Philipp Lichterbeck

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