KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Was für ein Klang: Hélène Grimaud

in der Philharmonie

Wenn Klassikstars ihre neue CD präsentieren und zeitgleich einzig dieses Programm auch auf Tournee vorstellen, entsteht mittels akustischer Doppelbelichtung ein Porträt ihrer selbst. Das muss nicht immer schmeichelhaft ausfallen. Kann sich auf der Bühne erfüllen, was im Studio mit endlosen Schnittmöglichkeiten kontrolliert hergestellt wurde? Hélène Grimaud liefert mit ihrem fulminanten Auftritt in der Philharmonie den Beweis, dass nichts an ein Livekonzert heranreicht, wenn die Sterne günstig stehen – und man sie zu deuten weiß.

Ihr 69-minütiges Album „Resonances“ mit Werken von Mozart, Berg, Liszt und Bartók weitet sich auf dem Podium zu einem beglückend konzentrierten Klavierabend, voller Klarheit und Wunder. Allein dieser Mozart-Ton! Keinerlei Süßlichkeit klingt in der Sonate a-Moll KV 310 an, ruhelos schreitet sie aus, ohne je zu hetzen, konturiert von einer blauschwarzen Basslinie. Grimaud dringt in neue Tiefenschichten vor und sie zerreißt dafür mancherlei liebgewonnenen Klangschleier.

Auch Liszts gewaltige h-Moll-Sonate bleibt bei ihr klar umgrenzt und verliert dabei nichts von ihrem Drama. Aus immer entlegeneren Winkeln steigt das Thema empor, wie sorgsam unterdrückte Tränen. Bergs Klaviersonate op. 1 wandelt auf einem geheimnisvollen Pfad zwischen Licht und Leidenschaft. Nach diesem Programm würde man gerne Schubert von Hélène Grimaud hören. Wenn die Sterne günstig stehen – und die Plattenfirma nichts dagegen hat. Ulrich Amling

POP

Was für ’ne Frage: Die Antwoord

in der Maria am Ostbahnhof

Was gibt es Neues in der Popmusik? Wer danach fragt, bekommt immer häufiger Die Antwoord. Hinter dem Trio aus Kapstadt stecken mit dem Rapper Ninja, der Sängerin Yo-Landi und DJ Hi-Tek drei Kunstfiguren, die ihre Musik als „Next Level Shit“ bezeichnen. Mit ihrem Video „Enter The Ninja“ lösten sie einen Internet-Hype aus (mehr als sieben Millionen Klicks), haben gerade ihr Debütalbum „$O$“ vorgelegt und partizipieren mit ihrem genreübergreifenden Mix am angesagten Ghetto-Rave, einer Spielart elektronischer Clubmusik.

Beim Auftritt im rappelvollen Maria korrespondiert ihr Partysound mit der hiesigen Jugend. „Fokkit!“ brüllt der klapprige Ninja mit Goldzähnen und schlimmen Tattoos im burischen Dialekt und lässt Hochgeschwindigkeitsreime und White-Trash- Sex-Fantasien auf Afrikaans und Englisch folgen. Dazu singt die blonde Yo-Landi mit quietschender Lolita-Stimme „I’m Your Butterfly – Need Your Protection“, während der übergewichtige DJ Hi-Tek mit Monstermaske am Laptop lekker Bollerbeats produziert. Klingt genauso, als hätte sich der Knastbruder von Eminem mit der kleinen Schwester von Lady Gaga getroffen, um mal auf die Kacke zu hauen. Hier ist alles erlaubt, auch das man im Hasenkostüm in die Menge hechtet. Es ist wild, es ist Pop. Volker Lüke

THEATER

Was für ein Ding: „Helden wie wir“

in der Vaganten-Bühne

Klaus Uhltzscht, der junge Mann mit dem unaussprechlichen Namen, erzählt. Von einem Leben, in dem die Wirklichkeit gegenüber der Utopie keine Chance hat. Der Ich-Erzähler baut sich einen eigenen, unzugänglichen Alltag, dümmlich scheinbar, und doch mit scharfer gesellschaftspolitischer Analyse. Als Heranwachsender landet er bei der Stasi, weiß aber nicht, ob er bei der „richtigen“ Stasi angeheuert hat. Nach Anerkennung süchtig und doch nur unterer Durchschnitt, macht er aus der Öffnung der Mauer am Grenzübergang Bornholmer Straße ein Abenteuer. Denn nur er kann ein enormes Werkzeug aus der Hose zaubern, dessen bloßer Anblick den Widerstand der Grenzsoldaten bricht.

„Helden wie wir“ nannte Thomas Brussig den 1996 erschienenen Roman um einen DDR-Schelmen und trieb das Ideologie-Deutsch zu höchster Blüte. Einer, der alles glaubt und sich verstrickt zwischen Angst und Größenwahn, der mit kindlicher Begeisterung Sophismen erfindet, entlarvt den realen Sozialismus. Als Gastspiel des Prinz-Regent-Theaters Bochum zeigten die Berliner Vaganten jetzt eine Bühnenfassung des Romans. Martin Molitor übernimmt den Monolog und beweist sein Gespür für den Hintersinn von Texten, die sich erst im Kontakt mit dem Publikum erschließen.

Molitor ist Lehrer, Provokateur und Erzähler zugleich, der aus einem Regal Akten mit überraschenden Inhalten klaubt (Regie Elke Hannemann, Bühne Joachim Kiel). Er stellt einen Freundlichen auf die Bühne, der geistiges Maß an seinen Zuhörern nimmt, wach und mit Spott, aber auch erregt, angriffslustig. Der Abend belegt, wie sich Unglaubliches, ja auch Teuflisches durch überlegene Ironie zur Strecke bringen lässt (noch einmal am heutigen 11. November). Christoph Funke

POP

Was für ein Inferno: Ratatat

im Magnet Club

Gegen zehn taumeln zwei schlaksige Typen auf die Bühne, schnallen sich Gitarren um und zersägen den Magnet Club. Tief über sein Instrument gebeugt, einen Vorhang aus nassen Haaren vor dem Gesicht feuert Mike Stroud Salven ins Publikum. Den rechten Arm in die Luft gerissen, greift auch Keyboarder Evan Mast immer wieder zur Gitarre, seine Haare wehen. Ratatat machen eine Show, als stünden sie auf einer Stadionbühne, im Hintergrund fliegen in der Videoprojektion die Funken, jeden Moment wird die Gitarre brennen.

Die beiden New Yorker sind große, nur leider stumme Showmen. Während eine Stunde lang die Gitarren kreischen, fallen zwei Worte: „Thank you.“ Das Publikum stört das nicht, frenetisch feiern die Fans neue Songs wie alte Hits. Die studierten Musiker spielen teilweise so gewandt, als hätten sie mindestens vier Hände und überdröhnen damit ihre Elektrobeats. So geht ein Teil des Charmes der neuen CD verloren, an anderen Stellen tut die Straffung den Stücken gut, die Gitarren sind bissig, das Tempo hoch, das Publikum zufrieden. Jakob Wais

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