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FILM

Schwarzwaldmädel in Istanbul:

Die Doku „Wir sitzen im Süden“

„Guten Tag, hier ist Ralf Becker, was kann ich für Sie tun?“ Der junge Mann, der hier Auskunft zu Neckermann-Angeboten gibt, heißt in Wirklichkeit Bülent. Hinter Ilona Manzke verbirgt sich die dralle Fatos, die Probleme mit dem „Hochdeutschschwätze“ hat, weil sie aus dem tiefsten Schwarzwald kommt. Der schwule Murat backt in seiner kleinen Küche Käsetorte für die Kollegen im Büro. Dort wird fast nur Deutsch gesprochen, mitten in Istanbul – wie viele Callcenter, die von dort deutsche Kunden betreuen. Die drei sind nicht freiwillig dort. Murat und Fatos wurden als Teenager gegen ihren Willen von ihren Eltern in die Türkei remigriert, Bülent als jugendlicher Delinquent abgeschoben. Auch wenn er erst froh war, den Ausländerstatus los zu sein, Einsamkeit und Sehnsucht kamen bald. Und Murat kann seine Homosexualität hier offen nur in der nächtlichen Subkultur ausleben oder in den Zirkeln, wo die Exildeutschen bei Kaffee und Kuchen zusammensitzen und vom süßen Leben in Hannover oder Pforzheim träumen. Denn wer einmal aus Deutschland raus ist, kommt dauerhaft nur über eine Heirat wieder hinein. Selbst ein Besuchervisum ist nur mit viel Geld, Zeit und Energie zu kriegen.

Neunzig Stunden Material, über Jahre gesammelt, verarbeitet die Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin Martina Priessner für ihren ersten langen Dokumentarfilm „Wir sitzen im Süden“ (fsk und Lichtblick). Auch wenn sie sich bei der Montage im Gewirr der Lebensgeschichten, Zeitebenen und Lokalitäten verzettelt: Gerade vor dem oft absurden Theater der aktuellen Integrationsdebatte gelingt ihrem Film der dringend notwendige Perspektivwechsel zu denen, die sich selbst als Schwarzwaldmädel fühlen, aus mehrheitsdeutscher Sicht aber nur als Problemfall wahrgenommen werden. Eine Gesellschaft, die es sich nicht einmal leisten will, einen Murat unter eigenem Namen ans Telefon zu setzen, ist offensichtlich auf dem falschen Weg. Silvia Hallensleben

KUNST

Multiples Ego:

Thomas Eller im Autocenter

Bei Thomas Eller kann man durcheinanderkommen. Ist er nun Internet-Dienstleister für die Kultur? Ex-Geschäftsführender der abgewickelten Temporären Kunsthalle? Oder jener Künstler, der 2006 den Käthe-Kollwitz-Preis für sein fotografisches Werk erhielt? Mögliche Antworten gibt der 46-Jährige in seiner aktuellen Ausstellung „THE ego show – eine Gruppenausstellung“ im Autocenter in Friedrichshain (Eldenaer Straße 34a, bis 13. November, Do–Sa 16–18 Uhr).

Hier stehen über 600 winzige Skulpturen der Arbeit „THE individuEller“. Kleine Fotomänner, jeder in einer anderen Pose, aber alle eindeutig Eller. Gemeinsam stehen sie auf dem Estrich und schauen den Betrachter an. Wir sind viele, lautet die Botschaft. Und: die eine, unversehrte Identität gibt es nicht. Stattdessen zerlegt sich die reale Person und damit auch die Persönlichkeit des Künstlers. Für Eller ist das kein Verlust, weil es gleichzeitig verschiedene Perspektiven erlaubt.

So ist auch das Label der „Gruppenschau“ zu verstehen. Tatsächlich wirken die Assemblagen, Zeichnungen und das fotografische Tagebuch (2005–2009) wie Splitter, die die Absichten des Künstlers aus unterschiedlichen Winkeln beleuchten: seinen Protest gegen den gelenkten Blick oder das Unbehagen an der Eindeutigkeit. Etwas fehlt immer, genau wie bei dem großen Selbstporträt „THE zone“ (2010), das Ellers Füße, Arme und sein Antlitz zeigt. Nicht aber den Körper, an dessen Stelle die weiße Wand tritt. Leere Fläche kontra geronnenes Ego. So greift die Annahme nur bedingt, der Künstler inszeniere sich aus reinem Narzissmus immer wieder selbst. Dass Thomas Eller die Gefahren seiner unaufhaltsamen Vermehrung kennt, deutet der ironische Ausstellungstitel ja an. Christiane Meixner

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