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POP

Nett und brav:

Amy MacDonald in der O2-World

Vom Pub auf die großen Bühnen der Welt. Das ist die Erfolgsgeschichte der Amy MacDonald. Gleich zu Beginn ihres Konzertes in der nicht ganz ausverkauften O2-World erzählt sie noch einmal von ihrem Cinderella-Aufstieg. Dieser Herkunftsverweis ist ein zentraler Imagebestandteil der 23-jährigen Schottin. Weitere wichtige Punkte sind: „trotz Erfolgs normal geblieben“ und „beherrscht ihr Handwerk“ – fertig ist das Gütesiegel „authentisch, bodenständig, haltbar“. Würde Manufaktum Popmusik verkaufen, sie hätten Amy MacDonald im Katalog – direkt neben Jack Johnson und James Blunt.

Ihr 90-minütiger Auftritt ist eine Demonstration der mild temperierten Bravheit. Begleitet von fünf jungen Mietmusikern trägt MacDonald ihre netten Folk-Pop-Lieder vor. Der Roadie reicht nach jedem Song eine frisch gestimmte Akustikgitarre und der Tonmeister mischt ihre an Cranberries-Sängerin Dolores O’Riordan erinnernde Altstimme immer schön nach vorn. Der Sound ist gut, aber viel zu leise. So kommt im Publikum selten einmal Stimmung auf, etwa beim alten Hit „Mr. Rock & Roll“ oder bei den etwas schnelleren Stücken vom neuen Album „A Curious Thing“, bei denen der achtelnde Bass das Tempo macht und der Gitarrist auch mal ein Solo spielen darf. Nur richtig rocken soll es dann auch wieder nicht, wie das total gehemmte „Don’t tell me that it’s over“ zeigt. Als erste Zugabe spielt MacDonald allein mit ihrer Gitarre „Born to run“ von Bruce Springsteen, dem Prototyp des ehrlichen Rockers. Eine angemessenes Finale für diese überraschungsfreie Feier der Bodenständigkeit. Nadine Lange

POP

Seriös und verzerrt:

Joe Jackson im Postbahnhof

Vor einigen Jahren hat Joe Jackson die Band reaktiviert, mit der er neben Graham Parker und Elvis Costello Ende der Siebziger zu den scharfen zornigen Männern des britischen New Wave gehörte. Inzwischen ist die Band zum Trio geschrumpft. „Wir brauchen keine Gitarre“, sagt der 56-jährige Jackson lachend, der im Postbahnhof zunächst alleine hinterm Flügel sitzt. Seriös im blauen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, mit hoher Stirn und zurückgekämmten Haaren, wie der jüngere Bruder von Kommissar Derrick. „It’s different for Girls“ singt er vom zweiten Album aus der Rotzlöffelzeit 1979.

Unter frenetischem Fangetose kommen die beiden alten Mitstreiter dazu. Leider brettert die Snare von Dave Houghton etwas zu laut. Und der sonst so schön trockene, melodische Bass von Graham Maby ist kaum zu hören. Beim Singen lehnt sich Jackson weit nach hinten, den Kopf in den Nacken, Nase nach oben. Nur warum ist die Stimme so verfälscht mit übertriebenem Hall? Bei „Fools in Love“, das auf dem ersten Album noch so ungestüm daherkam, klingt ein artifizieller Effekt durch, der sich verdächtig nach „Auto-Tune“ anhört. Zu „Dirty Martini“ spielt Jackson rasantes New-Orleans-Boogie-Piano. „The Uptown Train“ weckt Erinnerungen an das Ramsey Lewis Trio. Jackson ist ein exquisiter Pianist, der in Blues, Barjazz, Bebop zu Hause ist. Nur warum der große Konzertflügel, wenn er sich dann doch nur wie ein billiges Kinderkeyboard anhört? Überhaupt klingt alles wie aus einem miesen Kofferradio. Verzerrt und ohne Tiefe. Dieser Sound hat den Abend verdorben. H. P. Daniels

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