KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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POP

Euphorie und Zukunftsmusik:

Jamie Lidell im C-Club

Schon der Opener ist eine Wucht: Jamie Lidell und seine hervorragende fünfköpfige Band verwandeln „Compass“, das folkige Titelstück seines aktuellen Albums, in eine dramatische Art-Rock-Nummer, die an TV On The Radio erinnert. Danach geht es soulig und funky weiter, immer mit hohem Tempo, immer im Partymodus. Schlagzeuger und Percussionist klöppeln das fröhliche „Enough’s Enough“ polyrhythmisch zur Ekstase. Extra tief grollen die vom Keyboarder gespielten Bässe bei „Telephone“, das stark nach Prince klingt – wie viele Songs des 37-jährigen Lidell, der kürzlich von Berlin nach New York gezogen ist. Der Brite bringt derart viel Schwung und eigene Ideen mit, dass er nie als reiner Eklektiker erscheint. Vor allem hat er diese unfassbare Soulstimme, die so gar nicht zu diesem weißen, vollbärtigen Nerd-Typen zu passen scheint. Der frühere Techno-Produzent und Laptop-Musiker hat eine Weile gebraucht, bis er den Gesang ganz ins Zentrum seines Schaffens rückte. An die frühen Zeiten erinnert er mit einem zehnminütigen Solo-Set, das er mithilfe des riesigen Multifunktionspultes in der Bühnenmitte des C-Clubs bestreitet. Er loopt eingesungene Beats und Melodiefetzen, legt Effekte darüber und driftet kurz in eine völlig andere Welt ab. Der Sound passt gut zu seiner Jacke, die wie eine Kreuzung zwischen einer Science-Fiction-Uniform und einem Patchwork-Teppich aussieht. Mehr Spaß bringt aber die volle Bandstärke: Den Retro-Soul-Hit „Another Day“ singt das Publikum komplett mit. Und im Zugabenteil zeigt Crooner Lidell mit der Ballade „She Needs Me“, dass er auch bei langsamen Stücken glänzen kann. Ein euphorisierender Abend. Nadine Lange

DOKUKUNST

Altkleider für die Debatte:

Züli Aladag im Haus der Kulturen

„Lütfen dene beni.“ Bitte zieh mich an, steht über den Kleiderhaken mit Kopftüchern, Gebetsmützen und Tschador geschrieben, die Züli Aladag im Haus der Kulturen der Welt für die Besucher deponiert hat (bis 9. Januar, Mi–Mo 11–19 Uhr). Ist das der erste Schritt zum gegenseitigen Verständnis? Oder kann man sich hier in der Ausstellung „Die Anderen“ verkleiden, wird Teil einer Debatte, die sich manchmal einfach nur Kopftuchmädchen-Debatte nennt? Aladag reduziert, weil er findet, dass man in Deutschland, wenn es um das Fremde und Integration geht, auch reduziert. Meistens werde über Muslime gesprochen, sagt der Regisseur. Aladag, 1968 in der Türkei geboren, wuchs in Stuttgart auf und lebt seit acht Jahren in Berlin. Für sein Fernsehspiel „Wut“ erhielt er den Grimme-Preis. Nun ist er der dritte, der die Ausstellungsreihe „Labor Berlin“ im Haus der Kulturen bestreitet. Internationale Künstler, die die Hauptstadt als Heimat gewählt haben, sollen hier präsentiert werden. Für seinen Film, der hinter der Kleiderwand läuft, hat Aladag auf dem Alexanderplatz Deutsche getroffen, die sagen, dass „alles“ immer nur schlimmer wird. Ein alter Herr hat Angst, dass ihm ein Glauben – er meint den Islam – aufgedrückt wird, der nicht sein eigener ist. Stellt dann aber doch fest: „Bis jetzt bedrängt mich noch keener.“ In Kreuzberg und Neukölln trifft der Filmemacher auf die anderen Anderen. Ein Gastarbeiter der ersten Generation hat nie richtig Deutsch gelernt und sagt, er habe seine Kinder als Menschen aufgezogen, nicht als Deutsche oder Türken. Zwei kleine Jungs wissen nicht, was Rassismus heißt. Schütteln den Kopf. Lächeln verschämt. Anna Pataczek

KLASSIK

Virtuos: das Signum-Quartett

im Schloss Charlottenburg

Zugkraft genug besitzt der Name des jungen Signum-Quartetts, um den Weißen Saal im Schloss Charlottenburg restlos zu füllen. Und sein lyrisches, geradezu pastorales Programm passt zur architektonischen Harmonie des Renaissance-Schlosses Demerthin, für dessen Restaurierung hier ein Benefizkonzert zugunsten der Brandenburgischen Schlösser und Gärten gespielt wird. Schumann begegnet Beethoven wie der Nachfolger dem Lehrmeister, der seine Errungenschaften in etwas Neues überführt. Sein F-Dur-Quartett op. 41 Nr. 2 spiegelt noch den Übergang von der Klavierkomposition zum reicheren Instrumentalschaffen und macht doch atemberaubende harmonisch-klangliche Entdeckungen. Dem gibt das Signum-Quartett klangliche Wärme und Intensität. In der organischen, spontan fließenden Entfaltung der melodische Entwicklung zeigt sich eine Stärke des Ensembles. Zum Ereignis des Abends wird Beethovens spätes Es-Dur-Quartett op. 127. Seine federleichte Heiterkeit und Gelassenheit bedarf selbst im Tarantella-Presto des Scherzos keiner überzogenen Vorzeige-Virtuosität. Isabel Herzfeld

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