KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Oh, Lord: Schumanns „Manfred“

in der Gethsemanekirche

Wegen seiner Mischung aus Lyrik, Dramatik und Epik hat sich Roberts Schumanns „Manfred“ dem Musikbetrieb bis heute erfolgreich verweigert. Die Sing-Akademie zu Berlin hat es nun dennoch gewagt, das „dramatische Gedicht mit Musik“ mit dem Staats- und Domchor sowie der Symphonischen Compagney in der Gethsemanekirche zu präsentieren. Der musikalische Leiter Kai Uwe Jirka und der Dramaturg Christian Filips strichen den Text von Lord Byron zusammen – und haben diesmal am falschen Ende gespart. Mauricio Kagels „Altarblatt“, mit dem sie das Stück einleiten, erweist sich als schwache illustrative Vertonung eines schwachen Texts aus Schumanns Tagebuch, während das plastisch dargebotene „Requiem für Mignon“ nur das lapidare Requiem verlängert, mit dem die Manfred-Partitur schließt. Allein Bo Wigets Kuhreigen setzt mit Alphorn- und Kuhglockengedröhn einen lustvoll anarchischen Kontrapunkt zu Manfreds Weltschmerz.

Der Versuch des Rezitators Jens Harzer, dem Helden das Pathos auszutreiben, indem er ihn fast durchgängig in einem lässig blasierten Ton sprechen lässt, misslingt: Denn dass Schumann an Manfreds Redeschwall gerade auch das rauschhaft- musikalische Element fasziniert haben muss, geht dabei unter. So entsteht eine unüberwindbare Distanz zwischen Text und Musik. Die setzt sich auf der Ebene des Chors fort: So gut die Idee ist, die Nebenrollen dem Chor zuzuweisen und so Manfreds Opposition gegen jedes Kollektiv zu unterstreichen – gesprochen wirkten Byrons Verse wie aufgesagte Prosa. Wer mit Schumanns „Manfred“ überzeugen will, der muss noch offensiver zeigen, dass er auch an Lord Byron glaubt. Carsten Niemann

FOLK

Ein sehr ruhiger Abend:

Lloyd Cole im Astra

Lloyd Cole ist ein zurückhaltender Mensch. Alles ist Understatement an dem englischen Singer/Songwriter. Mit The Commotions war er in den Achtzigern ein Rockstar. 1990 zog der Engländer dann nach New York, erklärte sich zum Folksänger, zog alleine mit seiner Gitarre durch die Clubs, kam auch gelegentlich nach Berlin. Ein bisschen älter und runder geworden, steht der 49-Jährige heute auf der Bühne des Astra – und erscheint dabei in jeder Hinsicht graumeliert. Es wird ein ruhiger Abend mit ausschließlich akustischen Instrumenten. Zwei Begleitmusiker bilden mit Cole das „Small Ensemble“. Drei Gitarren, die sich kongenial ergänzen durch unterschiedliche Spielweisen von Mark Schwaber, der immer mal wieder zur Mandoline wechselt, und Matt Cullen, der gelegentlich ein viersaitiges Banjo zupft. Gemeinsam arbeiten sie sich durch den Fundus von Coles Songs der letzten 26 Jahre. Melancholische Geschichten über zwischenmenschliche Wirrnisse zu reizvollen Pop- und Folkmelodien. Doch sind es immer noch hauptsächlich die Songs aus der Commotions-Zeit, die gefeiert werden. „Perfect Skin“ von 1984 in neuer Version. Eine Freude ist es, wie die drei Musiker mit ihren Instrumenten kommunizieren, sich gegenseitig vervollständigen. Nach zwei Stunden und 28 Songs als letzte Zugabe „Lost Weekend“: Das kann man von diesem Abend nicht behaupten. H. P. Daniels

KLASSIK

Liebhaberei: Cameron Carpenter

in der Philharmonie

Die Orgel gilt als Königin der Instrumente – doch auch diese Monarchie ist in die Krise geraten. Und weil es auf die Dauer nicht genügt, vom schwindenden Kirchenvolk verehrt zu werden, haben Majestät darum zu einem probaten Mittel gegriffen und machen nun mit einem jungen, gut aussehenden Liebhaber von sich reden: Er heißt Cameron Carpenter, wurde 1981 in den USA geboren, studierte an der Juillard School, tritt am liebsten in glitzerndem Strass oder engen Lederanzügen auf und lockte am Sonntag so viele Menschen in die Philharmonie wie wohl noch nie bei einer dortigen Orgelmatinee.

Doch es wird mehr als ein Flirt mit Instrument und Publikum: Carpenter glänzt – besonders bei Stücken von motorischem Gestus wie Marcel Duprés Präludium und Fuge H-Dur – mit einer Virtuosität in Beinen und Fingern, die bei zunehmendem Tempo nicht schal und mechanisch wird, sondern musikalisch sogar an Intensität zunimmt. Erfrischend ist auch seine Experimentierfreude in Stil, Repertoire und Klangfarben: Carpenter kann Bach- Werke in romantischer Manier mit bombastischen Schwelltönen, aber auch in luzide historisierender Phrasierung spielen oder das B-A-C-H-Motiv mit einer selbst komponierten Fuge bis in amerikanische Music-Halls entführen.

Seine Bearbeitungen von Klavierwerken (wie etwa Liszts „Funérailles“) überzeugen in der rhythmischen Feinzeichnung vielleicht etwas weniger, aber sehr wohl in ihrer farbigen Registrierung, die auch von Kinoorgeln beeinflusst ist und bei der besonders Momente des Geisterhaften und Grotesken hervorstechen. Ihrer mächtigen bürgerlich-säkularen Tradition braucht sich die Königin jedenfalls ebenso wenig zu schämen wie des Jünglings an ihrer Seite. Carsten Niemann

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