KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Im Bruch: Der RIAS Kammerchor singt Johann Christian Bach

Johann Christian, dem jüngsten Bach- Sohn, möchten der RIAS Kammerchor und die Akademie für alte Musik Berlin im Konzerthaus zu mehr Ruhm und Ehre verhelfen. Hans-Christoph Rademann am Pult weiß: Das klappt am besten, indem man ihn musikalisch vom Alten wegrückt. Das Wort „alt“, hat der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus geschrieben, bezeichne jene Musik, „die von der klassisch-romantischen Epoche durch den Traditionsbruch um 1740 getrennt ist.“

Exakt dieser Bruch durchzieht die Familie Bach. Schon das Miserere ist mehr Mozart als Johann Sebastian. Rademann lässt das Orchester alles Melodische scharfkantig phrasieren, schärft Gegensätze zwischen Tragendem und Begleitendem. Das gelingt vor allem, weil die Akademie für alte Musik so wunderbar spitzfindig auf den Punkt spielt, sich nie auf ein Kräftemessen mit dem Chor einlässt, sondern ihn stets feingeistig umrankt. Der RIAS Kammerchor dagegen hat nicht seinen stärksten Tag. Er klingt, besonders im nachfolgenden Requiem, angenehm monolithisch, ja dogmatisch sakral. Nur entstehen dabei zu selten stimmliche Glanzlichter, wie sie sich in der (dann doch an den Vater erinnernden) Polyphonie des Kyrie aber auch im Mors stupebit so sehr anböten. Ähnliches gilt auch für das Soloquartett, das mit Ausnahme der fragil timbrierten Sopranistin Lenneke Ruiten die Arien des Requiems technisch souverän, zu selten aber nachhaltig charaktergebend interpretiert. 2012 möchte der RIAS Kammerchor dieses Programm auf CD produzieren. Es bleibt also noch Zeit, sich den Feinheiten zu widmen. Daniel Wixforth

KINO

Im Höhenrausch: Gerald Salminas

Dokumentation „Mount St. Elias“

Wenn es das Kino in schwindelnde Höhen treibt, dann meist mit kontemplativer Absicht, in die Einsamkeit des Himalajas oder als Pilgerreise auf dem Jakobsweg. Mit solchen Warmduschervergnügungen haben die Männer in Gerald Salminas Dokumentation „Mount St. Elias“ nichts am Hut. Als Extremsportler suchen Axel Naglich und Peter Ressmann die ganz große Herausforderung. Die Skialpinisten steigen nicht nur den Berg hinauf, sondern fahren auch auf Skiern wieder hinunter. Und das ist im Falle des Mount St. Elias ein wahrhaft wahnwitziges Vorhaben. In Alaska ragt der Berg 5489 Meter in den Himmel hinauf und seine bis zu 60 Grad steile, vereiste Flanke führt über eine 25 Kilometer lange Abfahrt direkt ins Meer. Fünf Jahre zuvor haben zwei amerikanische Bergsteiger am St.Elias ihr Leben gelassen. Der Film wird nicht müde, mit nachgestellten Absturzsequenzen den Wahnsinn des Unternehmens zu beschwören. Nur: Das Interessante am Wahnsinn sind meistens die Wahnsinnigen, und über die erfährt man herzlich wenig. Wenn die Männer drei Tage ununterbrochen Schnee schippen müssen, um den Eingang ihrer Eishöhle frei zu halten, kommentiert Naglich treffsicher aus dem Off: „Da fragst du dich schon, warum du das alles machst“ – eine Frage, die sich das Publikum ebenfalls stellt. Salmina verschenkt die Chance herauszufinden, was diese alpinen Extremisten wirklich antreibt. Stattdessen wird vom „letzten großen Abenteuer“ salbadert und die Bezwingung des Bergs in pathetischer Ausführlichkeit gefeiert.Martin Schwickert

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