KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Vulkanisch: Die Pianistin Jin Ju

im Me Collectors Room

Das „Me“ im Namen des neuen „Me Collectors Room“ in der Auguststraße steht für moving energies – und energetische Ströme durchzucken die Kunsthalle tatsächlich beim Klavierabend der Pianistin Jin Ju. Die Chinesin ist eine beeindruckend charakterstarke Interpretin. Wenn sie mit wehenden Haaren Beethovens „Appassionata“ attackiert, die Sonate entschieden in Richtung Romantik voraus- denkt, reizt sie den Klang des Steinway gerade im Kopfsatz gewittrig aus bis ins Tumultöse. Doch Jus Extremismus wirkt nicht exaltiert: Man glaubt ihr sofort, dass sie die Musik genau so empfindet. Wenn Jin Ju Chopin und Liszt spielt, beeindruckt ihr Gespür für tänzerische Bewegung unter der wild bewegten Klangoberfläche fast noch mehr als ihre aberwitzige Fingerfertigkeit. Der Ausstellungssaal übrigens erweist sich an diesem Abend akustisch wie atmosphärisch als ideal geeignet für Konzerte in der Kunst. Mehr davon, bitte! Frederik Hanssen

KINDEROPER

Freundschaftsdienst: „Brundibár“

mit dem Rundfunk-Kinderchor

Dieses Stück ist immer noch dazu angetan, Erwachsenen einen Schauer des Entsetzens über den Rücken zu jagen: 1944 müssen jüdische Kinder bei der Inspektion des Ghettos Theresienstadt mit Hans Krásas Singspiel „Brundibár“ den Delegierten vom Roten Kreuz heile Welt vorspielen. Kaum ist die Inszenierung für einen NS-Propagandafilm abgedreht, werden alle Beteiligten nach Auschwitz deportiert. Die Jugendlichen, die am Freitagvormittag im kleinen Konzerthaussaal sitzen, sind zeitgeschichtlich zwar gut vorbereitet worden, lassen sich dann aber doch nur zu gerne mitreißen von der Story um die Geschwister Pepicek und Anika, die mit Hilfe ihrer Freunde einen monopolkapitalistisch auftretenden Leierkastenmann in die Flucht schlagen. Annette Bieker und Frank Schulz wollen mit ihrer Inszenierung Krásas Kurzoper in den historischen Kontext einbetten: 32 Mädchen und ein Junge vom Rundfunk-Kinderchor berichten also zunächst spielend vom Alltag im Ghetto, bevor sie das Instrumentalensemble unter Leitung von Alexander Vitlin dann sanft in die Handlung hineinzieht (wieder heute und am Sonntag, jeweils 16 Uhr). F. H.

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