KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

NEUE MUSIK

Im Angesicht des Todes: Hölszkys

„Bremer Freiheit“ im Konzerthaus

Wenn man den Saal betritt, da hängt sie schon da und zappelt. Die Leidensgeschichte der Geesche Gottfried beginnt wie sie endet – und sie endet wie sie beginnt. Von der Unfreiheit des Lebens in den unfreien Tod. Dazwischen ein paar Morde, die mehr Selbstschutzmechanismus einer durch die Männerwelt Unterdrückten sind, als dass sie von bösem Charakter zeugten. Verbrechen als verzweifelte Emanzipation? So kann man die Deutung der Berliner Kammeroper verstehen, die mit „Bremer Freiheit“ die Geschichte der Giftmörderin aus dem 19. Jahrhundert in den Werner-Otto-Saal des Konzerthauses bringt (wieder vom 25. - 27. 11., 20 Uhr). Regisseur Kay Kuntze adaptiert die Intention der Komponistin Adriana Hölszky, Gesang, Schauspiel und Instrumentales zu einer musiktheatralischen Einheit zu verschmelzen. Die Sänger haben feste Plätze im Orchester und wenn sie die laufstegartige Bühne doch betreten, bringen sie Rasseln oder Trommeln mit. Die Musik kommentiert die Handlung nicht, sondern ist selbst Teil des Geschehens.

Das klappt mit Hölszkys verstörend-modernen Klangwelten besonders dann, wenn Geesches Innenleben zwischen Brutalität und Selbstzweifeln als klangliches Psychogramm aufgezeigt wird. Dann dröhnt und ächzt und knatscht es aus der Ecke des allzeit konzentrierten Kammerensembles Neue Musik Berlin, das unter Peter Aderholds Leitung klangliche Dauereruptionen produziert. Gleichzeitig bringt Annette Schönmüller das Multiple der Geesche wunderbar zu Gehör. Ihr Mezzosopran kann hässlich-exaltiert sein, wenn die Mörderin in Konflikt mit der Außenwelt gerät und wird weich und verzweifelt, wenn sie im Konflikt mit sich selbst ist. Dass diese rundum schwere Opernkost den Saal bis auf den letzten Platz füllt, ist auch Ausrufezeichen gegenüber dem Senat, der der Kammeroper mit dem Vorwurf, zu typische Stadttheaterproduktionen zu machen, ab 2011 die Förderung entzieht. Daniel Wixforth

KINDEROPER

Rustikal: Cuis „Gestiefelter Kater“

in der Schillertheater-Werkstatt

Wie spielt man einen Kater? Indem man sich die Nasenspitze schwarz anmalt, die Hände zu Pfoten beugt und die Kulleraugen rollt. Man kann sich auch ein Paar Stiefel anziehen und dann über die Bühne stolzieren. Anna Alàs I Jové macht das in der Titelrolle von César Cuis Märchenoper „Der gestiefelte Kater“ in der Werkstatt des Schillertheaters so wunderbar, dass man sich fragt, mit wie viel Katzen sie in ihrer katalanischen Heimat wohl aufgewachsen ist. Genauso geschmeidig wie ihre Bewegungen ist ihr Sopran. Die eher rustikale Inszenierung von Isabel Ostermann lebt von solchen Einzelleistungen. Kai Wegner hat zwar nur eine kleine Rolle als Menschenfresser, drückt dieser aber mit markigem Bass den Stempel auf. Cuis Musik von 1913 verrät die Liebe des russischen Komponisten zu kleinen, liedhaften Formen, die Vinzenz Weissenburger vom Klavier aus mit Gespür fürs richtige Timing dirigiert.

Der Klang ist erstaunlich füllig, obwohl das fünfköpfige Orchester aus Musikern der Staatskapelle oben in der Galerie versteckt ist. Bei der Premiere sieht man kaum Kinder – wenn man diejenigen abzieht, die plötzlich aufstehen und sich als Mitglieder des Kinderchors der Staatsoper erweisen. Trotzdem können in den nächsten Wochen genug kleine Besucher das Stück hören: Es ist bereits bis März ausverkauft. Udo Badelt

KLASSIK

Spätzünder: Matthias Pintscher

mit dem DSO in der Philharmonie

Ein so mißlauniges Ensemble hat man lange nicht in der Philharmonie gehört wie das Deutsche Symphonie-Orchester zu Beginn seines Konzerts mit Matthias Pintscher. Dieselben Musiker setzten nach der Pause zum Steilflug an, doch für Pintschers eigenes Stück war es da schon zu spät. Mit „Osiris“ nämlich begann der Abend. Pintscher, Jahrgang 1971, ist als Komponist eigentlich ein Liebling symphonischer Ensembles, weil er deren perkussionistisch erweiterte Farben in meisterlich gefügten Gebilden blühen lässt. Doch vom Klangdrama, das „Osiris“ sein soll, blieb in dieser deutschen Erstaufführung wenig mehr als verwaschene Dekoration, unpräzis und lustlos gespielt.

Robert Schumanns Cellokonzert erging es nicht besser. Die grandios begabte Alisa Weilerstein, 28, führte an aller Struktur vorbei eitlen Schönklang vor und eine Leidenschaft, die sich selbst genug ist; das Orchester, spannungslos dirigiert, ließ die Einsätze klappern und die Bläser krächzen. Warum in aller Welt sollten solche Musiker Alban Bergs drei Orchesterstücke Op. 6 bewältigen können? Gerade weil sie schwer zu spielen sind. Berg hatte sich offenbar Respekt erzwungen: Diese ungeheuer komprimierten Sätze waren bestens geprobt, hier fanden ein erwachtes Orchester und ein kompetenter Dirigent glücklich zusammen. Die Klarheit, Tiefe und Wucht strahlte auch aus auf Ravels „Rapsodie espagnole“: Ebenso wichtig wie die kostbaren Farbmischungen wurde der existentielle Drang dahinter. Warum nicht gleich so? Volker Hagedorn

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