KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Klassische Moderne:

Die Deutsche Oper wird zur Lounge

Natürlich ist die Idee gut: Bürgerliche Clubkids, für die Bach und Berghain kein Widerspruch ist, mit dem Begriff „Lounge“ in die Oper zu locken, um dort beim Chillen kein Trance oder Ambient zu spielen, sondern Zuhörmusik. Die Yellow Lounge macht es seit Jahren vor. Und Fritz Bornemanns mit der Weite des Raums spielendes Foyer der Deutschen Oper ist – anders als der Stuck im Apollo-Saal der Staatsoper – wie geschaffen dafür. So lümmeln bei der ersten, von den Jungen Freunden im Förderkreis der Deutschen Oper initiierten Opera Lounge an der Bismarckstraße einige flaschenbiertrinkende Turnschuhträger auf den Sofas. Die älteren Anzugträger sind trotzdem in der Überzahl. Am Konzept kann man noch feilen: Die Bühne zieht sich an die Wand zurück, statt in der Mitte des Raums ihre Wirkung zu entfalten, und Markus Brück, sonst ein Bariton, der jede Vorstellung veredelt, liest seine Moderation ab. Aber Seth Carico erinnert daran, was Oper kann: Sein Leporello, pendelnd in den dunklen Tiefen zwischen Bass und Bariton, hetzt während der Registerarie atemlos durch die Nummern seines iPhones. Das Foyer ist voll, das Publikum für das neue Format ist da. Die Kinderkrankheiten kann man abstellen – bei der nächsten Lounge im März. Udo Badelt

POP

Moderne Klassiker:

Die Fantastischen Vier in der O2 World

War Miss Platnum nicht mal beinahe ein Popstar? In der O2 World ist sie bloß die Springmaus für Marteria. Der Neu-Berliner wäre am liebsten der nächste Peter Fox, ist aber der Vorzappelphilipp für Die Fantastischen Vier. Die wiederum wollten nie etwas anderes sein als sie selbst. Und das auch zu Zeiten, als einheimische Hiphop-Acts US-Vorbildern nacheiferten und sich über die Schwabenrapper lustig machten. 20 Jahre später brillieren die Fantas als topfitte Elder Statesmen des deutschen Sprechgesangs. Ihr Auftritt ist ein zweistündiges Gute-Laune-Feuerwerk, bei dem sich Thomas D, Michi Beck und Smudo als textfeste Rampenschweine beweisen. Allein, wie letzterer beim Höllentempo-Gospel-Rap „Smudo in Zukunft“ abgeht, wäre das Eintrittsgeld wert. Doch And.Ypsilon, der von einer fünfköpfigen Band unterstützte Beat- Schmied der Fantas, hat in seiner Festplatte die Sounds einer beispiellosen Erfolgsgeschichte: Außer dem notorischen „Die da“ spielen sie fast alle Hits von den frühen Flegeljahren bis heute. Dabei gibt es putzige Momente wie Thomas Ds Oben-Ohne-Solo zu „Krieger“, lustige wie Michi Becks Gitarrensolo-Gruß an die zeitgleich in der Schmeling-Halle auftretenden Deep Purple oder ekstatische wie Smudos Crowdsurfen zur Zugabe „Populär“. Tolles Konzert. Jörg Wunder

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